Gartenhaus in der Franz-Joseph-Straße 9a, München.
Ende April 1958.

von Lisa Rüffer

I. schlief erschöpft und regungslos im ersten Stock des Gartenhauses. Es war ein unscheinbares dreistöckiges Gebäude mit vergitterten Fenstern zum Innenhof. Doch auf der Rückseite bot es einen schönen Ausblick auf den Park, in dem einst Prinz Leopold spazieren ging.
Draußen zog der Wind durch die ersten Blätter der Bäume und fuhr in das Gefieder der Amsel, die auf ihren Eiern hockte. Auf den marmornen Treppenstufen des Gartenhauses übten die Nachbarskinder den Weitsprung. Vier Stufen waren geboten. „Fünf schaffst du fei nie!“ rief der kleine Verlegersohn dem fünfjährigen Mädchen zu, die mit ihren Eltern zu Besuch in der Stadt war. Für das „fei“ hätte die Mutter dem Jungen einen Klaps auf den Hinterkopf gegeben. Verlegerkinder sprachen dialektfrei. Hier – im Schwellenreich von Dorf und Stadt, Großverlegern und Kleinkünstlern – war das schwer durchzusetzen. Und die Mutter war gerade aus dem Haus, um an den Obstkarren in der Leopoldstraße ein Schnäppchen zu machen. Am Abend nach dem Erbseneintopf sollte es Fruchtcocktail geben.
Der Wind trug von der Leopoldstraße das Fahrradklingeln in den Hinterhof der Franz-Joseph-Straße 9a. Arbeiter radelten in die Fabriken im Norden. Es war Samstag in Schwabing und aus einer Atelierwohnung stolperte ein Pärchen in die Morgensonne hinaus. Sie blinzelten und waren ahnungslos, wie sie am Abend zuvor hierher geraten waren. Hausfrauen schüttelten den Kopf, es wurde immer schlimmer mit den jungen Leuten. Von Sankt Ursula schlug es acht Uhr dreißig. Alles lebte und machte Lärm.
Dort fand die Welt statt, daneben lag I. im Bett und wünschte sich fort, auch wenn sie nicht wusste, wohin. Seit einem halben Jahr lebte sie hier im Hinterhaus, über das die drei Ahornbäume jetzt ihre Schatten warfen. Das Kinderlachen hatte sie geweckt. Noch ein Tag, an dem sie weitermachen würde, die Sendungsmanuskripte auf ihrem Schreibtisch durcharbeiten, weil es anders nicht ging. Die Arbeit, die man ihr auftrug, war ein Gefängnis. Es machte sie krank, gerade hatte sie die Grippe überwunden. Sie hätte nach Berlin gemusst, doch die Krankheit hatte diesen kurzen Ausbruch aus München verhindert.
Die dramaturgische Arbeit sicherte ihr das Überleben, nur litt das eigene Schreiben darunter. I. setzte sich auf. Sie würde Clemens Münster sagen müssen, dass sie die feste Dramaturgenstelle nicht annehmen könne. Noch ein Schluss, den sie machen musste
Im Januar war P. zwei Tage dagewesen. Sie hatten sich im Oktober in Köln getroffen, nicht mehr nur in der Sprache, sondern ganz. Ein aufgeregter Briefwechsel hatte die nächsten Wochen begleitet. Und es schien für einen langen Augenblick so, als könnten sie einfach weitermachen mit der Liebe. Sie hatte ihre Arbeit als freie Dramaturgin beim Bayerischen Fernsehen gerade begonnen. Jeder Tag ist jetzt voll Nachhall, schrieb sie an P. Es stand so viel in diesen Briefen. Viel mehr, als man sich sagen könnte.
P. verstand sie in ihrem Schweigen, verstand, wenn sie beim Reden den Blick senkte und die Worte suchte. Dann sagte er, ach I., und strich ihr die kinnlangen Haare hinter die Ohren. Zwei Seelen.
Sie erinnerte sich noch: München und die viele Arbeit war ihr vorstellbar erschienen in diesen Herbsttagen. Ihr Blick fiel auf den Leuchter über dem Tisch, den sie mit P. gekauft hatte. Im Januar hatten sie zuletzt zwei gemeinsame Tage verbracht. Im Mai würde er noch einmal zu ihr kommen. Der Abschied hatte schon begonnen.
Es war Frühling geworden und das Bett roch längst nicht mehr nach ihm. Vielleicht war es besser so. Es war ein langsamer Abschied. Die Briefe kamen seltener. Sie wussten beide, dass es so richtig war. Der Verstand hielt die Trauer klein. Doch die Träume hörten auch am Tag nicht auf, fraßen sich vor, trotz des vielen Arbeitens. I. legte das Gesicht in die Hände und rieb sich die Schläfen ihres eckigen Kopfs.
Als die Kirchturmuhr sie in die Gegenwart holte, stand sie auf und zog sich den karierten Rock und die Bluse von gestern an. Es hatte sie ohnehin niemand darin gesehen, sie hatte den Schreibtisch nicht verlassen. Sie legte das Pony über der Stirn zurecht und trug Lippenstift auf. Irgendwo zwischen Blättern und Büchern lag das Gedicht, das P. ihr geschickt hatte. Sie musste es nicht lesen, um sich zu erinnern.

(…) Ich gewann, ich verlor, wir glaubten/ an düstere Wunder, der Ast/ groß an den Himmel geschrieben, trug uns, wuchs/ in die Mondbahn, ein Morgen/ stieg ins Gestern hinauf, wir holten/ den Leuchter, ich weinte/ in deine Hand.

Draußen in der Sonne wurde ihr wärmer. Auf dem Weg in den Englischen Garten ging sie zur Leopoldstraße. Feiste Hausfrauen und Hundebesitzer kamen ihr entgegen. Automassen drängelten zwischen den Fahrrädern und wenigen Fuhrwerken zur Autobahn hinauf. Vom Siegestor bimmelte die Trambahn und passierte Schnellimbisse, Espressos, Biergärten und die Nachtlokale, die sich in Keller zwängten. Die Jugend, die hier am Abend tanzte, wollte oder konnte sich nicht daran erinnern, wie sich die Menschen vor den Bomben geduckt hatten. Der Tanz war nur unterbrochen worden für einige Jahre.
Alles drängte an I. heran und berührte sie. Also hielt sie es fern von sich.
In der Martiusstraße standen die Jugendstilhäuser, schwarz vor Ruß. An ihrem Ende hatte der Krieg eine Lücke gelassen. Die wachsende Stadt würde sich solche Lücken nicht mehr lange leisten. Was hatten die Menschen erwartet? I. wunderte sich, wie sie dem Gestern nachtrauerten. Der Zeit der Bohème, über der doch ein Schatten lag wie über allem Gestern. Und wie sie weitermachten, als ob sich nichts ändern ließe. Sie lächelte über sich. Sie roch den Flieder, der aus dem Garten des Prinz-Leopold-Palais herüber duftete und der auch in ihren Kleidern und in der Wohnung hing. Der Wohnsitz des Prinzen war von der NSDAP abgerissen worden. Er hatte einem Jagdmuseum weichen sollen, das nie gebaut wurde. Der Garten an der Leopoldstraße mit dem kleinen Teich würde nur noch ein paar Jahre überdauern.
I. betrat den Englischen Garten und fühlte sich gleich an Wien erinnerte. Es machte sie froh. Am Schwabinger Bach entlang ging sie unter Bäumen. Von der Universitätsreitschule trabten zwei Reiter vorbei und grüßten höflich. I. sah zu Boden. „Grüß Gott.“ Ihre Stimme klang brüchig, wie die eines Mädchens, dass sich endlich zu sprechen traut und vor Furcht über den eigenen Mut fast zu weinen beginnt. Auf den Wegen liefen Kinder beim Vater an der Hand, das Betreten des Rasens war strengstens verboten. Vielleicht durfte dies ein guter Tag werden.
Sie beschloss, einen Kaffee zu trinken, um sich anschließend an die Arbeit zu machen. Dann könnte sie sich am Abend mit Kuno Raeber treffen. Gemeinsam fremd sein im Künstlerviertel, das I. nicht verstand. Sie würden einen Film in der Occamstraße ansehen und anschließend in die Schwabinger 7 fliehen, vor den Stammtischen, den Jungen mit Bärten und den Mädchen, die hofften, von den Bärtigen zu Frauen gemacht zu werden, damit auch ihnen eines Samstags die Ruhe des Fruchtcocktails zuteilwürde.
Sie ging die Leopoldstraße hinunter vorbei an den Obstkarren, Tagmenschen und Geschäften, bis die Straße zur breiteren Pappelallee wurde.
Die Terrasse des Europa-Espressos, Franz-Joseph-, Ecke Leopoldstraße, war groß und die Gäste lasen englische, italienische und französische Zeitungen. Hier saß sie gern unter Fremden. Die Kellnerin brachte den Cappuccino. Auf dem Boulevard begann langsam das Flanieren. Die Tagmenschen vermischten sich mit den Nachtmenschen. I. las nicht und nahm von den Leuten keine Notiz. Sie schloss für einen Moment die Augen und spürte die Sonne auf dem Gesicht. Auf dem Gehweg gegenüber bauten mittellose Jungmaler ohne Atelier ihre Staffeleien und Ausstellungen auf und warteten auf Bewunderung. Sie wurden nur geduldet und meistens nicht berühmt, aber sie versuchten es. Die Schienen der Tramlinie 6, die vom Odeonsplatz bis nach Freimann hinauf fuhr, lagen zwischen dem Asphalt in Resten des alten Kopfsteinpflasters eingebettet. Eine kleine Insel aus der Vergangenheit, auf der ein zotteliger Hund stand. Er blickte furchtlos stadtauswärts. Ich bin ja frei und in dieser Freiheit verloren, dachte I. und sah den Hund an, dem vielleicht in diesem Moment dasselbe durch den Kopf ging. Niemand sonst bemerkte ihn.
Auch der Fahrer der Tram, die von hinten heranfuhr, sah den Träumer nicht und als der Hund im letzten Moment erschrocken einen Schritt zur Seite tun wollte, hatte ihn die Tram schon erfasst.
I. starrte der Tram hinterher. Männer liefen mit Frauen untergehakt vorbei und lachten. Sie legte 2 Mark 60 für den Kaffee auf den Tisch, nahm die Jacke unter den Arm und lief die hundert Meter zur Wohnung sehr schnell zurück. Die Treppenstufen nahm sie in Sprüngen. Im Gartenhaus war es kühl.
Dort saß sie noch am Schreibtisch, las, korrigierte und schrieb, als bei Verlegers vom Fruchtcocktail nur noch die Reste in den Gläsern standen. Manchmal schob sich das Bild des Hundes dazwischen. I. wischte es fort und blieb lange über der Arbeit sitzen. Hier sah sie nicht mehr als die anderen. Draußen leuchteten die Gaslaternen an den Häusern auf, als das nächtliche Schwabing erwachte.

Einiges sprach in die Stille, einiges schwieg, einiges ging seiner Wege.

(„Köln, Am Hof“. Celan an Bachmann, 20.10.57)


Lisa Rüffer_Portrait Copyright-AutorinLisa Rüffer wurde 1981 am Rande des Schwarzwalds geboren. Sie lebt mit Mann und Kind in München.
Nach einem erfolglosen Abstecher in die Volkswirtschaftslehre, studierte sie Germanistik, Historische Anthropologie und Theaterwissenschaft in Freiburg und München, um dann fünf Jahre lang Theaterregisseure an der Otto-Falkenberg-Schule in München auszubilden. Seit 20013 schreibt sie als freie Journalistin, Autorin und Texterin Geschichten und Essays über Menschen, Gesellschaft und Gleichberechtigung. An der HFF München ist sie 2015/16 Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt.