Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich
von Xaver Bayer

Mein Bankberater trägt heute ein großkariertes Sakko. Das und seine schwarz gefärbten Haare lassen ihn wie einen ausrangierten Zirkusclown aussehen. Ich bin versucht, unter den Tisch zu blicken, ob Sägespäne an seinen Schuhen kleben. Ob die Narbe auf seiner Wange von einem Peitschenschlag des Dompteurs herrührt? Womöglich wegen der Seiltänzerin? Es ist keine leichte Arbeit, Clown zu sein, wie Zirkus insgesamt ein hartes Brot ist. Trotzdem reizt es mich, meinen Berater zu bitten, auch eine Stelle für mich in diesem Zirkus zu organisieren. Ich könnte die Manege kehren, die Kamele füttern, den Löwenkäfig entmisten. Sicher täte mir der Löwe leid. Ob der Zirkus auch einen Hungerkünstler beschäftigt? Ich könnte ihn heimlich mit Essen versorgen. Ich male mir aus, wie ich mit ausgeklügelten Methoden Leckerbissen in seinen Käfig schmuggle und ihn so, zum Erstaunen des irregeführten Publikums, monate-, gar jahrelang am Leben erhalte. Das heißt, wenn er mitspielt.


wideXaver Bayer. Geboren 1977 in Wien, wo er auch als freier Schriftsteller lebt. Studium der Philosophie und Germanistik.

 

2002 Hermann-Lenz- Stipendium
2004 Reinhard-Priessnitz-Preis
2005 Förderungspreis für Literatur
2008 Hermann-Lenz- Preis
2011 Förderpreis Literatur Stadt Wien