Alle Jahre wieder
von Frank Schliedermann

Habe ich dich früher mehr geliebt? Ich weiß, dass du das immer gedacht hast. Und ich kann es dir nicht verübeln. Für Männer ist Liebe etwas Vergängliches. Nichts, was wächst und gedeiht. Du hast mir nie geglaubt, wenn ich dir gesagthabe, dass ich dich von Tag zu Tag mehr liebe. Nicht in den guten Jahren. Schon gar nicht in den letzten. Wie solltest du mir jetzt glauben, da ich vor deinem Grab stehe? Die Wahrheit ist: ich habe dich nie mehr geliebt als heute. Nicht damals auf der Hotelfachschule, als du meinen Eltern deine Aufwartung gemacht hast, mit offenem Hemdkragen und etwas Gartenerde unter den Fingernägeln. Das Gesicht meines Vaters, als du behauptet hast, Maler zu sein. Maler zu werden. Komme, was wolle. Auch nicht später, als du schon dein eigenes Atelier hattest. Düsseldorf. Den ganzen Tag in diesem zerschlissenen Overall. Gott, was sahst du gut aus! Deine vom Betonboden aufgeschürften Knie. Der Gedanke daran lässt mich bis heute erröten. Stell dir das vor! Eine alte Schachtel wie mich! Trotzdem habe ich dich damals noch nicht auf diese Weise geliebt. Nicht in den zwei Monaten in Paris, als wir ständig dasselbe sagten, dasselbe dachten. Nicht in der kleinen Wohnung in der Mühlengasse, wo wir Nägel in die Wand schlugen, als seien sie für die Ewigkeit. Und auch nicht, als du mir, nach all diesen chaotischen, besinnungslosen Jahren ein kitzelndes Baby auf den Bauch gepinselt hast. Nichtmal da. Ich weiß, was du jetzt denkst. Von da an ging alles kaputt. Die schlimmen Tage nach der Geburt. Die Ungewissheit. Die Gewissheit. Das Wörtchen „Lebenserwartung“ und seine unerbittliche Bedeutung. Wie stark du damals warst. Wie unverwüstlich. Auch wenn du nicht lange stark geblieben bist. Es genügten ein paar Wochen, um mich zu retten. Das werde uns für immer zusammenschweißen, hast du damals gesagt. Und damit gemeint, dass es uns nie ganz loslassen wird. Dieses Jahr zu dritt. Dieser röchelnde kleine Körper. Das blasse Gesicht. Der friedliche Anblick, eines Morgens. Diese Stille. Ich wusste es, noch bevor ich in das blutverschmierte Bettchen blickte. Dass wir nie wieder dieselben sein würden. Nach diesem Dienstag, diesem 6. Mai. Dass es uns nicht zusammenschweißen würde, die Tränen, die Wut, die Erleichterung. Dass es uns trennen würde, für lange Zeit. Denn am Ende trauert jeder für sich allein. Viel zu spät habe ich das begriffen. Dass dir meine Nähe eine Last war. Mein kümmerlicher Versuch, weiterzumachen, dich nur noch mehr verletzt hat. Ich habe dir längst verziehen. Die Jahre des Schweigens. Deine Weigerung, es noch einmal zu versuchen. Auch die vielen Abende allein. Die Sache mit Petra. Dieser vorwurfsvolle Blick, wenn du an der Staffelei nicht weiterkamst, außer Stande, einen Strich zu zeichnen. Noch einmal ganz von vorn zu beginnen. Über Jahre stand unser Leben auf gespenstische Weise still. Du hast mir wehgetan. Aber ich habe nie aufgehört, an dich zu glauben. An einen Weg zurück. Zu unbeschwerten Augenblicken, zu neuer Inspiration. Am Abend deiner ersten Ausstellung in Berlin, als noch niemand da war und wir vor einem Bild mit dem Titel „Leni“ standen, fragtest du mich, ob ich noch immer wolle. Noch ein Kind. Du nahmst mich in den Arm und es fühlte sich ganz einfach an. Wie die letzten Teile eines Puzzles. Noch ein Kind. In diesem Moment passte alles zusammen. Auch wenn das mit dem Kind dann doch nicht mehr geklappt hat. Ich habe dich immer bewundert. Für deinen Biss, deine Willenskraft. Für deine Kunst. Auch wenn dir meine Meinung nie viel bedeutet hat. Lob mache dich nur misstrauisch, sagtest du oft. Kritik sporne dich an. Es allen zu zeigen, das hat dich angetrieben. Bis es dich fast verrückt gemacht hat. Bis du eines Tages daran zerbrochen bist. An den anderen, erfolgreicheren Malern, an deinen schmerzenden Händen, an den Rechnungen, die sich auf deinem Schreibtisch stapelten und die wir irgendwann nicht mehr ignorieren konnten. Als wir das Atelier ausräumten und du vor all deinen unverkauften Bildern standest, musstest du plötzlich lachen. Am liebsten hättest du alles niedergebrannt. Aber selbst das erschien dir lächerlich. Gut, dass du es nicht gemacht hast. „Leni“ hängt heute in meinem Schlafzimmer. Es ist alles, was ich noch von euch habe. Die Jahre danach waren glückliche Jahre. Ich weiß, dass du dich oft geschämt hast, in deiner Briefzusteller-Uniform. Mit deiner 40-Stunden-Woche. Ich habe diese Zeit genossen. Das bescheidene Leben. Die Aufmerksamkeit, die du mir geschenkt hast, nach Feierabend, an den Wochenenden. Die kurzen Urlaube, die wir uns leisten konnten. Plötzlich ging es um uns. Nur um uns. Zum ersten Mal, seit ich dich kannte, schien dir etwas daran zu liegen, dir das Leben so schön wie möglich zu machen. Uns. Weißt du, es ist nicht immer einfach, mit einem Künstler zusammenzuleben. Für mich jedoch warst du immer auch noch ein anderer Mann. Einer der Brote bestrich, Straßenkarten studierte, einer, der mit seinem Fahrrad gern Schlangenlinien fuhr. Mir war dieser andere Mann mindestens genau so wichtig, wie der Maler, der unstete Geist. Du, jedoch, schienst diesen Menschen gerade erst zu kennenzulernen. Ich habe dich wirklich geliebt. Bis zuletzt, als längst klar war, dass du vor mir sterben würdest. Ich habe gern an deinem Bett gesessen. Den Waschlappen ausgewrungen. Schmerz, Kot und Selbstmitleid, viel sei nicht mehr von dir übrig. Das Sprechen fiel dir bereits schwer. Du konntest dir nicht mehr vorstellen, jemanden wie dich zu lieben. Das konntest du nie. Für dich war Liebe eben etwas Vergängliches, wie die Kunst, wie dein immer schwächer werdender Körper. Wie dieser Grabstein, der mit den Jahren allmählich verwittert. Dass ich dich noch immer liebe, das hättest du nicht gedacht. Das hast du mir nicht zugetraut. Mir, die nie viel Aufhebens gemacht hat, die nie große Ziele hatte. Die sich nichts weiter gewünscht hat, als ein wenig Normalität. Du hast es nicht verstanden. Nicht verstanden, wozu ich fähig bin. Wozu du fähig warst.


Frank-Schliedermann_kleinFrank Schliedermann, geb. 1973 in Eickelborn (Westf.), arbeitete einige Jahre als Werbetexter für Autos, Deos, Motorsägen und Haarwuchsmittel, ehe er sich in der 86. Spielminute den Knöchel brach. Ein Abstaubertor – und ein literarischer Neuanfang.
Seit 2014 wurden mehrere seiner Kurzgeschichten veröffentlicht sowie bei Wettbewerben prämiert. Im Frühjahr 2016 erscheint sein erster Roman bei Asphalt & Anders. Er lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.