III./54

Glasstunden
von Charlotte Silbermann

Schneeflocken rieseln durch die brüchigen Fugen meiner Wachsamkeit.
Das Schmelzwasser verlorener Gedanken tropft die Wände hinab
Ich stelle große, eiserne Wannen auf, doch die Fülle ist schnell erschöpft.

Nachts kriechen Tiere aus ihren Verstecken, aufgeschreckt von der Feuchtigkeit.
Ich spüre das sanfte Trappeln ihrer Pfoten, höre das Rascheln ihrer Betriebsamkeit.
Doch sichtbar ist nur das Schattenspiel feingliedriger Wasserläufe.

Wann wird der Sturm kommen, der meine Aufmerksamkeit wachrüttelt,
jene frostigen Winde, die die Pfützen geschmolzenen Schnees in schimmernde Spiegel verwandeln,
die die Tiere in ihren Winterschlaf wiegen und die Eiskristalle aus dem Grund des Vergessens fördern.


In wehmütiger Dämmerung singe ich das Lied der Vierzig jährigen Witwe
So vieles ist Vergangenheit und dennoch keine Endlichkeit in Sicht.

Im glänzenden Schweiß der Lindenblüten spiegeln sich alte Träume.
Von leichtfüßigen Sommern, wie sie es niemals gab.

Ein Film unvollendeter Bilder liegt auf dem Licht der untergehenden Sonne
Die Dunkelkammer der Nacht wird erst Konturen offenbarn.


charlotte silbermannCharlotte Silbermann 1986 in Dresden geboren, beendet gerade ihren Master in Vergleichende Literatur- und Kunstwissenschaft an der Universität Potsdam. Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden, performt aber mittlerweile lieber mit Worten im Kopf als auf einer großen Bühne.

 

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2 Kommentare

  1. Annegret

    Wunderbare Beschreibung!

  2. dass Du schreiben kannst, wußte ich ja, liebe Charlotte, aber dass Du so (!) schreibst, ist nicht nur eine echte Entdeckung, sondern ein wahres Geschenk!

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