II./54

Aus den Augen
von Marcella Melien

Dass Sophie wieder nach Paris gehen würde, wussten wir ja beide. Ich hatte gehofft, dass sie nicht im Winter gehen würde, weil es dann schwerer für mich zu ertragen wäre. Im September und Oktober hatten wir von unserem Küchenfenster aus den Fernsehturm sehen können, im November war er weg und wir vergaßen manchmal, wo wir waren und was wir hier wollten, und Sophie sagte: „Wusstest du, dass es in Paris wärmer ist als hier, auch im Winter.“ Wir hängten bunte Vorhänge auf, um sie zuziehen zu können, und ein Bild von der Sacré-Cœur an die Wand. Es gab Tage mit Nebel, der feucht und schwer auf unsere Köpfe hinab hing, und Tage mit Blitzeis, an denen die Menschen sich bewegten, als hätten sie das Gehen über Nacht verlernt. Jedem fiel irgendjemand ein, den er warnen musste, auf der Straße brüllten die Leute über die Sirenen der Rettungswägen hinweg in ihre Telefone.

Im März ging Sophie und das hätte ich mir denken können. Sie bekam ein Stipendium und einen Studienplatz, kündigte und packte ihre Sachen. Jetzt mache sie doch den Master, sagte sie. In Paris. Sie machte das, was angeblich keiner macht, nach ein paar Jahren Arbeiten. Ich sagte ihr, dass ich mich ehrlich für sie freue und machte, was alle anderen machten: weiter.

Als ihre Sachen gepackt waren, fiel mir auf, wie lächerlich klein unsere Wohnung war, zu klein für zwei, und ich suchte mir noch einen Job, um sie mir allein leisten zu können. Über einen Bekannten fand ich schnell eine Stelle, es waren nur drei U-Bahnstationen von Büro zu Büro. Ich verfasste Produktbeschreibungen für einen Onlineshop, der Perücken verkaufte. Ich hatte nicht gewusst, dass man so viele Worte um falsche Haare machen konnte, und mein Wissen über die Bezeichnungen verschiedener Frisuren reichte nicht sehr weit. Ich ließ mich von den Namen der Tönungen im Drogerieregal inspirieren. Wenn es schöne, lange Goldlocken waren, wollte ich schreiben: Sophieblond.

Ich stellte mir vor, dass Sophie jetzt in Paris einen kinnlangen, konkaven Bob trägt, weil sie eines Tages in der Metro den glatten Nacken einer jungen Frau gesehen hat und beschlossen, dass sie genau das auch wollte. Dass sie allein über Boulevards läuft und auf den Brücken von Pärchen angesprochen wird, die fotografiert werden wollen. Oder dass sie selbst ins Visier der Fotografen gerät, wenn sie mit einem Buch am Quai des Kanals St. Martin im Schatten sitzt und aussieht wie jemand, der an diesen Ort gehört.

Sie hat ihr halb leeres Deodorant im Bad stehen lassen, manchmal greife ich aus Versehen danach, dann riecht mein Tag blumig und nach ihr. Ich schreibe ihr genau das, was ich als erstes erzählen würde, wenn ich nach Hause käme und sie in der Küche träfe. Sophie, schreibe ich ihr, heute hat mich in der U8 ein Straßenzeitungsverkäufer angesprochen, aber nicht nach Geld gefragt, sondern ob ich ihn heiraten wolle, und als ich sagte, nein danke, wollte er wissen, was ich lese. Ich habe ihm den Umschlag gezeigt, es war ein Buch über Shakespeare. Er sagte, von dem kenne er auch was: Sein oder Nichtsein, am Alex stieg er aus.

Kennst du das, fragt eine verpixelte Sophie auf meinem Laptopbildschirm, diese Verwirrung, wenn man aufwacht und nicht weiß, wo man ist. Je älter man wird, desto mehr potentielle Orte gibt es und dann noch Personen, neben denen man möglicherweise aufgewacht sein könnte. Neulich, erzählt sie, bin ich in einem Hochbett aufgewacht, du kannst dir denken, wie mich das durcheinandergebracht hat. Als ich zur Grundschule ging, hatte ich ein Hochbett, und ein paar Hostels kamen auch in Frage. Aber hier ist es normal, dass Leute auf fünfzehn Quadratmetern leben, und alles ist in diesem Raum, das Klo und die Dusche, die Küche ist ein ausklappbarer Schrank, und dafür zahlen sie mehr, als wir einen ganzen Monat lang ausgeben. Ich habe einen Künstler kennengelernt, der lebt davon, auf dem Montmatre Touristen zu zeichnen. Er wohnt an der Rückseite des Hügels in einem winzigen Zimmer unter dem Dach, das Klo ist eine rot gestrichene Kammer auf dem Hausflur, die er sich mit fünf Anderen teilt, kannst du dir vorstellen, dass es solche Leute wirklich gibt?

Und das konnte ich nicht, und noch weniger, dass Sophie mit ihnen in diesen winzigen Zimmern saß, Wein trank und beinah akzentfrei Französisch sprach. Sie schickte mir ein Foto von dem skizzenartigen Portrait, das ihr Künstlerfreund gemalt hatte. Ich schrieb zurück, dass es ihr nicht sehr ähnlich sehe, aber auf eine abstrakte Art trotzdem schön sei.

Ich bin noch ein paar Mal aufgewacht und habe gedacht, dass Sophie da ist, dass sie im Nebenzimmer schläft und sich freut, wenn ich den Frühstückstisch für zwei decke. Später habe ich meine Couch und meinen Fernseher dorthin geräumt, wo ihr Bett gestanden hat. Manchmal schlafe ich dort ein, so wie ich früher auf Sophies Matratze eingeschlafen bin, in der ersten Hälfte des zweiten Films. Sie hat mich schlafen lassen, und wenn ich mitten in der Nacht noch einmal wach wurde, orientierte ich mich an ihrer Wärme neben mir; ihr Atem war so leise, dass ich meinen anhalten musste, um ihn zu hören. Ein paar Mal war ich kurz davor, einen Flug nach Paris zu buchen, hatte die Seite mit den Preisvergleichen schon aufgerufen, aber dann fiel mir die Miete ein und dass es schwierig werden würde, bei beiden Jobs gleichzeitig Urlaub zu bekommen. Im Sommer wurde die Stadt schöner und der Gedanke, zu bleiben, erträglicher. Bei meinem Perückenjob teilte ich mir das Büro mit einer neuen Kollegin, die gelernte Friseurin war und tagsüber Haare schnitt, sie war neu in der Stadt und wollte irgendwann ihren eigenen Salon eröffnen.

Wusstest du, was sie hier sagen, schreibt Sophie. Loin des yeux, loin du cœur. Fast wie bei uns, nur dass es eben das Herz ist, nicht der Sinn, so ist es bei den Franzosen.

Ich habe die erste Postkarte, die sie mir geschickt hat, als Erinnerung neben mein Bett gehängt, die Kuppel der Sacré-Cœur ist darauf abgebildet, vielleicht so, wie man sie auch vom Dachfenster des Künstlers aus sehen kann; vor meinem Fenster steht wieder der Fernsehturm.


© Wiebke Weber

© Wiebke Weber

Marcella Melien ist 1992 in Wiesbaden geboren, hat einen Verlagswirtschafts-Bachelor in Leipzig gemacht und studiert jetzt Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. 2014 wurde sie mit dem hr2 Literaturpreis ausgezeichnet. Sie schreibt Kurz- und Kürzestprosa und veröffentlicht unter www.marcellamelien.de

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1 Kommentar

  1. Annegret

    Wunderbar geschrieben! Man kann sich richtig in die Situation hineinversetzen!

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