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Tag 19, Andorra
von Valentin Moritz

Die Stiefel waren das erste, was mir auffiel an ihm, die riesigen, abgewetzten Bergstiefel. Sascha und ich hatten uns gerade vor unserer Bar an einen Tisch gesetzt und einen Kaffee bestellt, da stoben plötzlich die Menschen auf der sonnigen plaça auseinander, Einkaufstaschen von Pyrénées, Super U und Leclerc fielen zu Boden, und Chris kam um die Ecke gestürmt mit diesen Wahnsinnsgaloschen, seiner wilden Mähne und mit einer Wut im Bauch, die er (nachdem er sich wie ein aufgebrachter Keiler eine Bresche durch Tische, Stühle und Menschen geschlagen, die Tür der Bar aufgerissen und den Kopf hindurchgesteckt hatte) offenbar dringend loswerden wollte: FUCK YOU, BITCH!, schrie er mit schrillerer Stimme als erwartet, dann zog er seinen Kopf wieder hervor und versuchte, die Tür hinter sich in die Angeln zu knallen, was an einem hydraulischen Dämpfmechanismus scheiterte und irgendwie traurig, oder zumindest ziemlich komisch aussah. Von allen Seiten wurde er angestarrt. Manche kicherten, andere ereiferten sich über das rüpelhafte Auftreten des Riesen, das ist ja mal wieder typisch, hörte ich jemanden auf Deutsch sagen. Chris schien das nicht zu beeindrucken. Er stapfte davon. Wie vor einem zotteligen, stinkenden Moses teilte sich schon das Meer der einkaufenden Passanten auf dem Platz, da schauten Sascha und ich uns an, und ich rief dem Zottel hinterher: Hey, big guy!, und Sascha versuchte, ihn auf einen Cöffee einzuladen mit seinem ostig-heimeligen Akzent. Irgendwie waren wir gut drauf.

 Sascha hatte ich erst ein paar Stunden zuvor auf dem Campingplatz kennengelernt. Er war zum Wandern gekommen, wollte wissen, ob ich ein nettes Café hier kannte. Ich kannte keines. Ja klar, sagte ich trotzdem und ich erzählte, ich wäre auf der Flucht und mit dem Fahrrad von Süddeutschland hier in Andorra gelandet, aber eigentlich unterwegs zu Caro, die in Paris mit den vierzigjährigen Latinos Tango auf dem Grab unserer Beziehung tanzte und noch nichts von ihrem Glück wusste, denn ich würde sie besuchen, die Ruhe der Toten stören, oder ich würde zurück zu Ludo in Perpignan fahren, der mich hatte anmachen wollen, aufs Maul würde ich ihm hauen oder mit ihm schlafen, oder eben einfach hierbleiben, ein paar Tage shopping konnten auch nicht schaden, sagte ich, man sollte ja ruhig auch mal über die Stränge schlagen, ich hätte ja Zeit, der Zivi und so, das würde erst in einem Monat losgehen … Aufgeregt wie einer, der zwei Wochen nicht gesprochen hatte, erzählte ich ihm das alles, oder wie einer, der gerne – sehr gerne – von sich selbst erzählte. Nur eine Ahnung, wohin wir gehen sollten, hatte ich nicht. Trotzdem fanden wir schließlich diese Bar an der sonnigen plaça und da merkte ich plötzlich, wie sehr ich es genoss, dass mir Sascha zuhörte und ab und an etwas fragte, dass mir alles so selbstverständlich und doch auch seltsam vorkam, wir kannten uns ja gar nicht, und vor allem war das Zuhören und Ruheausstrahlen eigentlich immer mein Part gewesen. Es machte sich wohl so etwas wie Dankbarkeit in mir breit. Und dann war der Kaffee auch schon ausgetrunken und zu der Kippe sagte ich nicht Nein, und wir rauchten beide gern im Gehen, also bummelten wir ein Bisschen durch diese unwahrscheinliche Stadt aus Stahlbeton, Stein, Glas und Steuerfreiheit, ¿Qué hay en Andorra, aparte de ir de compras?, hatte ich die Kellnerin gefragt und sie hatte die Achseln gezuckt. ¿La montaña?, hatte sie nach einer Weile geantwortet und gelächelt.

Genau dorthin – in die Berge – wollte Sascha. Am nächste Tag würde er frühmorgens aufbrechen und diesen verdammten Steilhang raufstürmen, auf zahmen Gämsen würde er reiten … Doch zuerst musste er noch schauen, was hier ein Serrano-Schinken kostete, so ein richtiger, schöner Schinken mit Fuß, Haxe, Schwarte und dem Aroma tiefverwurzelter, echt spanischer Räuchertradition. Den entsprechenden Schinkenbock hatte er schon zu Hause, selbst gezimmert, als Geschenk für seine Mutter, die anscheinend total auf Serrano abfuhr. Ich lachte ihn aus, zumal er locker sieben, acht Jahre älter war als ich, ich sagte, da wo ich herkäme, wären die Haxen zum skanken da und die Schwarten müssten ordentlich wackeln wie bei den dicken Oi-Skin-Mädchen beim Pogen, aber ihr druffen Berliner kennt eben kein Pogo mehr, nur noch Poppen im Tiergarten bei der Loveparade und Schweinehaxen für Mutti.

Wie es sich herausstellte, war der Serrano in Andorra tatsächlich billiger als im duty free in Barcelona und das Leuchten von Saschas Augen brach sich in der Schaufensterscheibe, durch die er stierte. Nach dem Stadtbummel gingen wir dann zu unserer Bar zurück, wo wir eben Chris und seine Performance hautnah miterlebten. Zu einem Kaffee konnten wir ihn allerdings nicht breitschlagen – nicht bei den bloody motherfuckers. Auch wenn es uns nicht leichtfiel, Chris zu verstehen, so kapierten wir immerhin, dass er eine laundry suchte. We have one at our camping, sagte Sascha und Chris reichte uns die Pranke, Chris, sagte er, see you there und da teilte er wieder das Meer vor sich. See you, sagten wir, und schauten ihm lange nach. Er war ein Hüne, und doch schien alles, was er am Körper trug, viel zu groß für ihn geschneidert. Den Kaffee bekamen wir erst als Chris nicht mehr zu sehen war, wobei uns die Kellnerin gleich abkassierte und dieses Mal keines Blickes würdigte.

Zurück auf dem Campingplatz trafen wir ihn wieder. Er konnte nicht fassen, wie teuer die Waschmaschine war. Was er in Andorra machte, wollten wir wissen, und er sagte, dass er aus Colorado, USA, käme, aber inzwischen durch Europa vagabundierte. Er wollte hier Arbeit suchen, irgendwas mit Schnee machen – wir verstanden immer nur artificial snow und kapierten nicht so ganz, was er meinte. Wollte er als Kunstschneekanonier arbeiten? Oder war er Schneeskulpturenkünstler? Wer weiß.

Für später am Abend hatte ich mich mit den beiden zum Abendessen verabredet. Vorher legte ich mich noch kurz in mein Zelt, holte mein Reisetagebuch aus der Satteltasche. Das Schreiben hatte mir in den letzten Wochen die Einsamkeit erträglicher gemacht. 26. September 2006, Tag 19, Gesamt: 1289 km, Tagesetappe: 62 km, Andorra, Glücksritter schrieb ich – mehr wollte mir nicht einfallen. Ich legte den Notizblock weg.

Auch ohne Notizen erinnere ich mich heute noch ganz klar an die Bilder dieses Abends, an Sascha mit einer riesigen Wassermelone im Arm, die ich im ersten Augenblick für einen Schinken hielt und sein Grinsen, als ich ihm das mitteilte, zum Beispiel. Ich erinnere mich an Chris mit den abgewetzten Stiefeln und Chris mit einem Bier in der Hand, Chris, wie er in die Gasflamme des Kochers starrt und erzählt, dass seine Eltern Besitzer einer Restaurantkette wären, dass er den Kontakt zu ihnen abgebrochen und zuletzt in einer englischen Kommune gelebt hätte, dass er jetzt auf dem Weg nach Marokko wäre, wegen seines Alkoholproblems. Denn in Marokko, sagte er, gäbe es keinen Alkohol. Nur Gras … Ich weiß noch, wie er kurz nach Mitternacht losging, um Essensreste in der Stadt zu suchen, und wie es war, dieses lethargische Gefühl, in das ich plötzlich verfiel, als Chris davongestapft war, und Sascha meinte, dass in einem Leben, so wie Chris es führte, doch alles irgendwie viel mehr Sinn ergäbe, so frei und mutig … Ich weiß auch noch genau, wie später die Kälte der Nacht in mein Zelt kroch und mit ihr ein idiotischer Traum von Caro und Melonen, von Jesus, der einem im Schneesturm tanzenden Spanferkel immer und immer wieder in den Arsch trat … Und an den nächsten Morgen erinnere ich mich ebenso; an die leere Stelle, wo Saschas Zelt gestanden hatte, und an Chris, wie er von seiner Abdeckplane aufstand, mir zum Abschied ein Schoko-Croissant schenkte. Und dann: die grandios-karge Pyrenäenlandschaft und die Radler, die lachend den Berg heruntergerast kamen und unverständliches Zeug riefen, das wohl Mut machen sollte, und der Pas de la Casa auf 2408 Metern Höhe, die irrsinnig schöne Abfahrt und dieser Bauer, der barfuß auf einem kleinen Trampelpfad neben der Straße ging, die Stiefel über die Schultern geworfen, eine kleine Ziege an der Leine – und die Gesichter der bergauf strampelnden Radfahrer, denen ich lachend und weinend unverständliches Zeug zurief, das Mut machen sollte.


 

UnbenanntValentin Moritz wurde 1987 im Südschwarzwald geboren. Studium in Berlin und Sevilla. Germanistik, Hispanistik, Literaturwissenschaft. 2012 Teilnehmer am Autorenkolleg der FU Berlin bei Rainald Goetz. Seitdem auf Berliner Lesebühnen zu Hause, als Gast, Organisator und als Lesender. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Magazinen, zuletzt in „Sachen mit Wœrtern“, „Krautgarten und „500Gramm“. Preisträger beim Literaturwettbewerb „Blaues Blatt“ 2013, 3. Platz beim Wiener Werkstattpreis 2014 (Publikumswettbewerb).

www.valentin-moritz.de

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2 Kommentare

  1. Annegret

    Wow – was für eine Geschichte! Beim Lesen muß man aufpassen, daß man sich nicht in den langen Textpassagen verliert! Wunderbar!

  2. Wenn das so weitergeht, bin ich jetzt schon traurig, wenn der 24.12. erreicht ist. Habe aber die (berechtigte?) Hoffnung, dass dann nicht Schluss ist. lg_jochen

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