// Fischgrätenzöpfe
von Emily Grunert

Seit Wochen essen sie die kleinen, gleichförmigen Kartoffeln aus dem  Glas.  Ruben  trinkt  sogar  das  Wasser  mit  dem  leichten  Stärkegeschmack  von  dem  Maya  schlecht  wird.  Er  öffnet  den  Schraubverschluss  und  krümmt  seine  Hand  zusammen,  um  sie  ins  Innere des Glases schieben zu können. Dann rollt er die blassgelben  Kugeln  am  Rand  entlang  zur  Öffnung.  Jede  dritte  gibt  er  ihr.  Die  anderen zerbeißt er mit einem raschen Auf und Ab seines Kiefers. Er  erklärt, Maya sei kleiner als er und brauche nicht viel.

In seinem Mund kreisen die breiig gekauten Reste. Die nassen Hände wischt  Ruben  an  der  Tischplatte  trocken.  Es  gibt  keine  Teller,  die Kartoffeln hält Maya in der flachen Hand. Das Wasser rinnt zwischen den Fingern hindurch auf ihren Schoß und Ruben sagt, er will, dass sie schlank bleibt, wo sie sich doch kaum bewegt.

Er schluckt und Maya verzichtet aufs Essen.

Das  eingetrübte Wasser  trinkt  Ruben  zum  Ende  so  schnell,  dass  die Flüssigkeit  an  seinen  Mundwinkeln  vorbei  auf  den  Kragen  seines Pullovers tropft. Wenn die Flecken trocknen, bleiben Krusten und ein übler  Geruch  von  Fäule  zurück,  den  Maya  auch  mit  der  Kernseife nicht los wird.

Im  Juli  haben  Ruben  und  Maya  noch  die  Kartoffeln  aus  dem  Beet hinter  dem  Haus  essen  können.  Sie  waren  nicht  mehr  durch  gereift. Maya  musste  sie  lange  auf  kleiner  Flamme  kochen  und  mit  dem Löffel  über  den  Topfboden  schieben,  damit  sie  nicht  fest  brannten. Nur so wurde das Innere weich genug, um es zu einem bitteren Muß verarbeiten zu können. Mit einem Stück Metall hat sie die Kartoffeln gestampft, bis die Sehnen in ihren Armen zitterten und die Muskeln brannten.  Im  Brei  blieben  trotzdem  Stücke,  die  Ruben  in  sein Taschentuch spuckte.

Als die beiden in diesem Jahr die schwarze Erde abtragen, finden sie kaum murmelgroße Früchte. Mit bloßen Händen reiben sie den Dreck von den Schalen. Maya greift nach einer und riecht an ihr. Sie sagt, sie sei  geruchlos  und  Ruben  winkt  ab.  Er  hat  damit  gerechnet.  Die anderen  essen  seit  dem Wintereinbruch  Konserven.  Selbst  wenn  wir sie hätten ernten können, sagt er und stockt.
Maya entgegnet: Ich weiß. Obwohl es nicht stimmt.
Nichts weißt du, sagt Ruben.
Mit den Fingern knetet er den Dreck zu Klumpen. In der Ferne hört man Pfoten im Unterholz.
Maya gesteht Ruben, dass sie sich vor dem Tag fürchtet, an dem es keine Kartoffeln aus dem Glas mehr gibt.
Was essen wir dann, fragt sie und Ruben schüttelt den Kopf, auf dem das  Haar  nicht  mehr  nachwächst.  Mit  den  Fingernägeln  kerbt  er Linien in die Kartoffelhaut.
Mach dich nützlich, sagt er. Du solltest fegen. Wenn man schon nicht saugen  kann.  Und  den  Boden  schrubben.  Wenn  schon  nicht  mit warmem  Wasser  dann  zumindest  mit  kaltem.  Und  einem  Spritzer Essig für den Glanz. Fegen und schrubben, das wiederholt er.
Er  reicht  ihr  den  Scheuerlappen,  bleibt  stumm  und  geht  zu  den anderen.  Die  letzten  Reste  vom  eigenen  Haar  nimmt  er  mit,  in  der Hoffnung, dass jemand sie will und bereit ist zu handeln.

Abends legt Ruben sich zu Maya ins Bett. Von der Hüfte abwärts ruht er  ganz  auf  ihr.  Seine  Waden  drängen  sich  zwischen  ihre Oberschenkel, mit den Knien stößt er ihr ins weiche, weiße Fleisch.

Anfangs hat Maya sich gesträubt. Seine Haut fasst sich anders an, als die der Männer, denen sie nah gekommen ist. Ihr Vater und ihr Bruder haben  ihre  Haut  nicht  beansprucht.  Ihre  Gesichter  waren  weich  und rosig, die Handteller warm und schweißig. Ruben meint, es liege vor allem  am  Schwefel  in  der  Luft  und  der  Asche,  die  sich  in  den Hautfalten festsetzt. Die gab es damals nicht, sagt Ruben. Ganz so, als würde  Maya  aus  einer  anderen  Vergangenheit  stammen.  Er  gähnt, entblößt  seinen  Rachen  und  reibt  sich  den  Schweiß  zurück  in  die Haut.  Seine  Fingernägel  sind  unsauber  geschnitten,  die  Kanten kratzen über die Haut.

Ruben will mit Maya nicht über die Hüftknochen sprechen, die sich  durch  den  Stoff  ihrer  Baumwollhosen  drücken.  Er  tut  als  merke  er nicht, dass man ihren Körper unter der Decke kaum sieht. Wenn sie es erwähnt, dann verzieht Ruben den Mund und löscht die Lampen und Maya sucht im Dunkeln unter den Laken vergeblich nach seiner Hand.  Das Brummen ihrer Mägen begleitet sie in der Nacht.

Sobald die Dämmerung die Dunkelheit auflöst, erhebt sich Ruben. Er wäscht sich das Gesicht, die Hände und Arme, bis zu der Stelle, an die der Saum seines T-Shirts reicht, dann nimmt er Maya die Bettdecke ab und  hängte  sie  zum  Lüften  aus  dem  Fenster.  Mit  der  flachen  Hand schlägt er die Asche aus dem Stoff und Maya fragt, ob er geschlafen hat. Sie hat es nicht.
Gedämmert. Die Zeit ist vergangen, antwortet Ruben.
Ohne die unter der Decke angestaute Körperwärme ist es zu kalt im Zimmer. Maya kann nicht liegen bleiben. Sie knetet sich die Taubheit aus den Gliedern und knackt mit den Gelenken. Erst danach geht sie in  den  Flur  um  den  Kuss  entgegenzunehmen,  den  Ruben  ihr  mit geschlossenen  Lippen  auf  den  Mund  drückt.  Er  trägt  einen  weiten, abgetragenen  Mantel,  die  Fäden  hängen  lose,  sein  Hosenboden  ist abgewetzt und die Schuhe  schlecht besohlt.
Er küsst sie lange. Wie üblich fasst er sie dabei nicht an. Erst als sie die Lippen voneinander lösen, schließt Ruben Maya in die Arme. Sein Geruch hat sich nicht verändert. Und auch wenn die Haut an seinem Hals trocken ist und schuppt, drückt Maya zum Abschied gern ihren Kopf gegen diese Stelle. Unter seinem Kinn steht ein feiner Flaum aus Barthaaren, den die Klingen des Rasierers nicht greifen. Maya stößt mit der Nasenspitze gegen Rubens Kiefer. Beruhigend hebt und senkt sich sein Brustkorb. Der Atem geht laut.

Maya spürt, wie Ruben seine Fingerspitzen in ihre Haare wühlt und über  ihre  Kopfhaut  streift.  Seine  Hände  sind  schwielig,  über  den Knöcheln  wirft  die  Haut  blutige  Blasen.  Er  greift  ans  Ende  ihres Zopfes  und  zieht  mit  einer  schnellen  Bewegung  das  Gummiband herunter. Er sagt nichts und die Wohnung ist still. Ruben schiebt sich das  Haarband  über  sein  Handgelenk  und  schüttelt  ihr  die  Strähnen über die Schultern. Die Spitzen reichen bis zum Rippenbogen.
Ruben lächelt. Fast will Maya wieder Onkel sagen.

Sie sieht zu, wie er im Draußen verschwindet. Die Tür lässt er offen stehen  und  Maya  bindet  sich  einen  neuen  Zopf.  Er  bewegt  sich langsam, sie dreht die Haare zu schmalen Flechten. Ganz so wie sie es als Kind getan hat. Sie fasst drei gleich dicke Strähnen und zieht die Haare von links nach rechts stramm.
Fischgrätenzöpfe, hat der Onkel die Frisur genannt. Heute braucht sie keine  Bezeichnung  mehr  dafür.  Ruben  sagt,  für  das  meiste  brauche man keine Bezeichnungen mehr. Maya sieht zu, wie seine Stiefel sich zwischen toten Eichenstämmen verlieren.  Sie  hat  kein  Band  übrig,  um  die  Haare  zu  halten.  Die Flechten werden sich schnell lösen.


Grunert,EmilyEmily Grunert wurde 1992 in Mainz geboren. Sie studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim und veröffentlichte erste Arbeiten in Anthologien.

Gegenwärtig schreibt sie an ihrem Debütroman Den See im Rücken tritt Jacek ins Gras.