ZUVIEL DES GUTEN
von Jan Wehn

So hat das doch nicht auszusehen. Es ist das erste, was Hannes denkt. Das mit dem das ist tatsächlich der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf geht. Er denkt wirklich das. Er denkt nicht den Namen, den Marie und er sich für ihr Kind immer wieder neu ausgedacht und irgendwann auf ewig beschlossen haben. Er denkt wirklich das.

Aber wie soll man auch anders zu dem sagen, was die Krankenschwester da eben zwischen Maries Beinen hervorgeholt hat und jetzt in ihren behandschuhten Händen hält? Ein Häufchen, ein Irgendwas. Blau, auch ein bisschen braun. Verschmiert, verklebt, verschrumpelt und irgendwie vergangen. Mit einem straffen Schnürchen um den Hals. »Warum hast du denn schon wieder Tschüss gesagt, bevor du überhaupt richtig gekommen bist?« denkt Hannes. Er denkt jetzt nicht mehr das, sondern du.

Hannes will nicht nur denken. Er will auch etwas sagen, aber er spürt, wie sich der Kreissaal um ihn herum zu drehen beginnt. Neben ihm liegt Marie auf der Liege und verzieht ihr Gesicht zu einer fassungslosen Fratze. Das Kinn klappt nach unten und schafft so Platz für einen Schrei. Aber der anschließende Laut
kommt nicht von Marie, sondern er kommt dann doch aus dem schiefen Mund in dem kleinen, blauen Köpfchen, das zu dem Körper gehört, den sie beide, Hannes und Marie, gerade eben noch verloren geglaubt haben.

Aber jetzt, oh Wunder, jetzt bist du da und schreist und strahlst und schönst den ganzen Raum voll, denkt Hannes. Das mit dem das von eben tut ihm jetzt sehr leid und er muss weinen. Marie weint jetzt auch, Hannes weint noch mehr und Paul weint ebenfalls. Solange, bis alle ganz müde sind. Hannes und Marie vom vielen Weinen und Paul vom Neusein auf der Welt.

»Hast du das gehört«, fragt Marie in der ersten Nacht die sie und Hannes gemeinsam mit Paul in der Wohnung verbringen. Aber Hannes hat nichts gehört, spürt nur Maries Unruhe in seinem Rücken. Spürt, wie sie immer und immer wieder ihren Kopf hebt, in der linken Hand abstützt und auf Paul schaut. Paul, der in dem kleinen Bettchen liegt, dass Hannes auf Maries Seite an den Bettrahmen geschoben hat. Von da aus kann Marie Paul ganz genau beobachten. Vorhin hat Hannes sich von hinten an Marie gekuschelt und die beiden haben Paul gemeinsam beim Schlafen zugesehen. Solange, bis Hannes auch eingeschlafen ist und Marie ihn sogleich wieder geweckt.

»Interessierst du dich gar nicht für unsern Paul?«, fragt Marie.

»Doch«, sagt Hannes, »natürlich interessiere ich mich für ihn, aber es ist zwanzig nach zwei und ich muss in drei Stunden wieder raus.« Dann schläft er ein.

»Hannes«, sagt Marie und rüttelt ihn kurz darauf an der Schulter. »Hannes«, sagt Marie noch mal. »Ich glaube, Paul hat gerade aufgehört zu atmen.«

Es dauert einen Moment, bis Hannes wieder bei Sinnen ist. Sein Kopf ist noch voll mit wirren Träumen von eben. Er blickt auf den Wecker, anderthalb Stunden hat er noch. Hannes dreht sich zu Marie und Paul und sieht ganz genau hin. Der warme Schein des Nachtlichts leuchtet auf Pauls kleinen Kopf, streicht sanft über seine Brust, die sich regelmäßig hebt und senkt.

»Es ist doch alles gut», sagt Hannes und gibt Marie einen flüchtigen Kuss auf die Wange, ehe er sich wieder herumdreht. »Es ist doch alles gut.«

Hannes’ Wecker klingelt um halb sechs. Er schleicht sich vorsichtig aus dem Schlafzimmer. Im Bad wirft er sich zwei Handvoll kaltes Wasser in das müde Gesicht, putzt sich die Zähne zu kurz und zieht die Klamotten an, die er gestern Abend vor dem Zubettgehen noch über die Badezimmerheizung gehangen hat.

Hannes macht das im Winter immer. Er mag diese ganz besondere Wärme auf der Haut. Er mag sie gleich wenn er in Hose, T-Shirt und Pullover schlüpft, aber auch noch, wenn er danach in der kalten Küche steht, eine Banane in sein Müsli schneidet und anschließend kauend versucht, den Gedankengängen der viel zu aufgedrehten Radiomoderatoren zu folgen. Aber ganz besonders mag
er seine heizungwarme Kleidung, wenn er die Wohnungstür zum Treppenhaus öffnet und in die Januarkälte tritt, die über Nacht bis hoch in den dritten Stock gekrochen ist.

Draußen vor dem Haus warten Ralle und Andy schon im Pritschenwagen.

»Siehst scheiße aus«, schmatzt Ralle an seiner Wurststulle vorbei. Andy sagt wie immer nichts. Hannes sagt auch nichts. Er lehnt seinen Kopf an die kalte Fensterscheibe und schließt die Augen. Ralle kaut weiter auf seinem Brötchen herum und Andy lenkt den Wagen stumm durch die so früh am Morgen noch leeren Straßen bis zum Firmengelände am Rand der Stadt. Schweigend laden die drei alles auf: die Planken, den Presslufthammer, die Zwingen, ein paar Schaufel und Spaten, das Trassenband und die Holzspule mit dem Kabel. Dann geht es ans andere Ende der Stadt, wo die drei gestern schon den Boden aufgerissen haben. Heute wird das Kabel verlegt.

In der Mittagspause steigt Hannes in den Wagen und sieht, dass Marie versucht hat in anzurufen. Sieben Mal.

»Warum gehst du nicht an dein Scheißhandy?«, fragt Marie als er zurückruft. Sie ist ganz außer sich. Ihre Stimme ist so schrill und überschlägt sich derart, dass Hannes sich für einen kurzen Moment nicht sicher ist, ob Marie wirklich weint oder doch nur unkontrolliert lacht.

»Weil ich arbeiten gewesen bin«, sagt Hannes ganz ruhig.

»Was ist denn los?«

»Paul wäre fast erstickt«, sagt Marie.

»Er hat geröchelt, ganz schnell, dann wieder langsam geatmet.« Marie schluchzt. »Die Augen hat er auch verdreht!«

»Bist du zum Arzt gefahren?«, fragt Hannes.

»Natürlich«, sagt Marie schluchzend. »Herr Falkenberg hat nichts finden können, aber es sei richtig gewesen, dass ich direkt gekommen bin. Da könnte alles mögliche passieren!«

»Ja, das war gut«, sagt Hannes. »Ich bin ja bald zuhause.«

Als Hannes am Nachmittag in die Wohnung tritt, sitzt Marie mit Paul auf dem Sofa, als sei nichts gewesen. Er eilt zu den beiden, beugt sich über Marie und gibt ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.

»Es tut mir leid«, sagt er.

»Schon gut«, sagt Marie und lächelt abwesend. Dann nimmt Hannes Paul aus ihren und auf seine Arme, hält seine Nase auf das kleine haarige Köpfchen und atmet ganz tief ein. Paul riecht so gut, Hannes kann das kaum beschreiben. Irgendwie frisch und süß und ganz anders als alles was er kennt. Paul hat die Augen geschlossen und atmet regelmäßig ein und aus. Hannes legt wieder die Nase auf Pauls Kopf und atmet mit ihm mit. Er muss lächeln. Das muss er häufig in letzter Zeit. Irgendetwas ist anders. Also lächelt er. Auch noch, als er ein paar Stunden später gemeinsam mit Marie und Paul zu Bett geht und in einen traumlosen Schlaf fällt.

Als Hannes sich am nächsten Tag nach der Arbeit von Andy und Ralle verabschiedet hat, aus dem Wagen steigt und im Treppenhaus bis in den dritten Stock zur Wohnung hinaufläuft, steht Marie mit Paul auf dem Arm schon im Türrahmen. Sie ist kreidebleich. Ihre Unterlippe schnellt unkontrolliert auf und ab, ihr Blick ist nass, die Haut ihrer Wangen fleckig.

»Ganz blau ist er gewesen«, schreit Marie ihm entgegen. Hannes schiebt Marie und Paul zurück ihn die Wohnung und schließt die Tür hinter ihnen. Marie rennt im Flur auf und ab, dann verschwindet sie in die Küche, sieht aus dem Fenster, sieht wieder zu Hannes und wiegt Paul auf dem Arm.

»Ganz blau! Blau wie, wie…« Sie sieht sich hektisch im Raum um. »Blau wie der Mülleimerbeutel!« Hannes tritt auf Marie zu und will sich den Kleinen anschauen, aber sie drückt sich mit Paul auf dem Arm an ihm vorbei ins Wohnzimmer.

»Soll ich mir ein paar Tage frei nehmen? Auf der Arbeit gibt es gerade eh nicht so viel zu tun«, sagt Hannes, als sie abends im Bett liegen. Paul schläft neben ihnen. Ganz tief und fest.

»Ach, was, nein«, sagt Marie.

»Doch, ich will dir helfen«, sagt Hannes. Dann schlafen sie
ein.

Aber in den nächsten Tagen ist alles in bester Ordnung. Paul atmet ganz gewöhnlich. Er schläft und trinkt wie jedes andere Kind auch. Hannes erledigt die Einkäufe. Er kocht auch und räumt auf und kümmert sich so gut er kann. Manchmal nimmt er Paul auch auf den Arm und läuft mit ihm durch die Wohnung und Pauls kleine blaue Augen begucken sich neugierig alles ganz genau. Hannes findet diese Neugierde ganz toll. Er würde gerne auch noch mal so auf die Welt schauen können.

»Geh doch mal ein bisschen raus«, sagt Hannes zu Marie. »Wir kriegen das hier schon hin.«

»Ich muss doch auf unseren Kleinen achtgeben«, sagt sie und schüttelt den Kopf. »Gib ihn mir mal wieder.«

»Tu doch mal etwas für dich. Triff dich doch mal wieder mit Julia«, sagt Hannes am Abend zu Marie. Aber die hat nur Augen für den schlafenden Paul.

Nach einer Woche geht Hannes wieder auf die Baustelle.

»Junge, kommst du nicht gerade aus dem Urlaub?«, sagt Ralle, als Hannes in den Wagen steigt. »Deine Augenringe reichen dir ja bis in die Kniekehlen.«

»Wie war die Bauabnahme?«, fragt Hannes um vom Thema abzulenken.

»Alles in Ordnung«, sagt Ralle. »Sind ja schließlich Profis.« Die drei fahren wieder zum Lager und dann raus vor die Stadt, wo ein neues Einkaufszentrum gebaut wird.

Während sie die Kabel verlegen, denkt Hannes immer wieder an Paul. Er denkt auch an Marie. Aber wenn er ehrlich ist, dann denkt er noch mehr an sich selbst. Daran, dass er Paul zu Beginn gar nicht haben wollte. Marie hatte sich das mit dem Kind so gewünscht. Und auch er hätte das Kind, damals wussten sie ja noch gar nicht, was es werden würde, gerne behalten. Aber Hannes hatte
keine Ahnung, wie man so ein Kind hätte bezahlen sollte. Sie kamen ja so schon kaum über die Runde. Es gab ein riesiges Hin und Her.

»Wenn du nicht willst, dann mache ich es eben alleine!«, hatte Marie gesagt und stand schon mit gepackten Koffern an der Tür. Aber dann war sie doch geblieben. Und jetzt, wo Paul da war, war mit einem Mal alles gut. Hannes kann sich ein Leben ohne den Kleinen gar nicht mehr vorstellen.

»Atme, Paul, atme«, sagt Hannes leise. Er greift in die Tasche, holt sein Handy heraus und schaut noch mal nach, ob er eine Nachricht von Marie hat. Nichts. Das ist gut.

»Na, Junge, Stress mit der Alten?«, sagt Ralle und knufft Hannes in die Seite. Hannes sagt nichts. »Kenn ich«, sagt Ralle und zwirbelt sich das eine Ende seines gelbgerauchten Schnurrbarts. Hannes kniet sich vor seinen Werkzeugkasten und kramt darin herum, als ob er etwas suchen würde. »Ich sag’s dir. Die muss nur mal wieder richtig schön gebumst werden, dann hält die von ganz alleine das Maul, du. Kannste mir aber glauben. Mach ich bei meiner auch immer so. Direkt vonner Maloche mit Anlauf trocken rein und gut is’.« Ralle lacht rasselnd. Dann hustet er, zieht die Nase hoch und pustet den stückigen Flatschen direkt vor Hannes Füße. »Stecksten Gruß von mir mit rein, ja?«

Als Hannes nach Hause fährt, kann er Marie schon von weitem erkennen. Sie steht weinend vor dem Haus, auf ihrem Arm der keuchende und röchelnde Paul.

»Wir müssen sofort ins Krankenhaus!«, schreit sie. »Sofort!« Hannes lässt den Motor laufen, hilft Marie und Paul ins Auto. Dann fährt er los. Er drückt richtig aufs Gas, zwei Ampeln überfährt er, obwohl sie gerade schon von Orange auf Rot umgesprungen sind. Atme, Paul, Atme, denkt er immer wieder.

Und Paul atmet.

»Mit ihrem Sohn ist soweit alles in Ordnung«, sagt der Arzt zu Marie und Hannes. »Solche Atemaussetzer können durchaus vorkommen. Gefährlich wird es erst, wenn so etwas regelmäßig auftritt.«

»Aber Paul bekommt ständig keine Luft!«, sagt Marie. Sie ist den Tränen nahe. »Ich verstehe das nicht!« Hannes nimmt Marie in den Arm und schaut den Arzt fragend an. Er hat das Gefühl, der Mann will die ganze Zeit schon woanders sein, ja, als würde er sich gar keine richtige Zeit für die beiden nehmen.

»Ich würde vorschlagen, wir behalten ihn ein paar Tage hier und schauen uns das mal an«, sagt der Arzt. Er schüttelt den beiden die Hand, dann ist er schon in irgendeinem Zimmer auf dem grauen Gang verschwunden.

Paul liegt in einem Glaskasten, aus seinem Mund und seiner Nase schauen dünne Schläuche, auf seiner Brust und seinen Armen kleben noch mehr Kabel. Hannes weiß gar nicht, wofür das alles gut sein soll. Aber Paul atmet, das ist die Hauptsache. Er legt seine Hände auf das warme Glas und schaut. Er schaut und schaut und schaut – solange, bis die Besuchszeit um ist und Marie und
Hannes nach Hause fahren müssen.

Auf dem Rückweg sagt Marie kein Wort. Sie starrt abwesend aus dem Autofenster. Als Hannes seine Hand auf ihren Oberschenkel legen will, zieht sie das Bein weg.

Die nächsten Tage reden die beiden wenig. Wenn Hannes ehrlich mit sich ist, dann reden sie eigentlich gar nicht. Nicht beim Frühstück, nicht auf dem Weg ins Krankenhaus, nicht, wenn sie beide den ganzen Tag vor dem kleinen Kasten mit ihrem verkabelten Kind stehen, nicht wenn sie abends weinend im Bett liegen und versuchen, die Nacht herumzubekommen. Sie reden erst wieder miteinander, als der Arzt ihnen sagt, dass man bei Paul keinerlei Anzeichen für eine asthmatische Erkrankung oder dergleichen feststellen könne.

In den nächsten Wochen wird es tatsächlich besser. Paul atmet und lacht und greift und brabbelt, dass es eine wahre Freude ist. Wenn Hannes frei hat, dann setzt er Paul in den Kinderwagen, nimmt Marie bei der Hand, die drei spazieren durch den Park und sehen dem Frühling dabei zu, wie er alles schön macht.

Aber dann geht es mit einem Mal wieder los. Wenn Hannes von der Arbeit kommt, dann wartet Marie jetzt wieder öfter mit Paul schon im Treppenhaus auf ihn. Ganz aufgeregt ist sie dann und erzählt atemlos davon, dass der Kleine wieder keine Luft bekommt. Manchmal, findet Hannes, wirkt Marie viel aufgeregter als Paul, der ganz ruhig auf ihrem Arm liegt. Aber was soll Hannes machen? Er muss Marie und ihre Ängste doch ernstnehmen. Schließlich geht es hier um Paul.

»Dr. Falkenberg hat gesagt, dass ich mich wirklich rührend um Paul kümmern würde«, sagt Marie als sie an einem Samstagmorgen zu dritt im Bett liegen. Paul rollt sich von einer auf die andere Seite. Er kann jetzt schon richtig lachen. Überhaupt weint Paul nur ganz selten, findet Hannes. »Und er hat auch gesagt, dass du dich glücklich schätzen könntest. Weil ich nämlich so umsichtig wäre.« Marie sagt das ganz stolz. Hannes nickt.

»Findest du nicht auch?«, sagt Marie. Jetzt ist sie nicht mehr stolz, sondern wütend. »Ich kümmere mich hier liebevoll um den Kleinen, ertrage die ganzen Leiden. Und du? Ich will dich mal sehen, wenn Paul ganz blau in seinem Bett liegt und ich nicht da bin!«

»Du hast ja recht«, sagt Hannes. Obwohl, eigentlich hat sie  gar nicht recht. Er geht doch arbeiten und bezahlt die Wohnung und das Essen. Er hat sich schon so oft freigenommen um da zu sein und hat Marie angeboten, sich zu kümmern. Aber das geht jetzt nicht mehr. Weil seine freien Tage nämlich aufgebraucht sind und auch, weil sie das Geld brauchen. Und zwar dringend. Hannes will Marie das alles sagen, am liebsten würde er ihr das auch jetzt genau in diesem Moment sagen.

Er denkt an Ralle. Die Marie muss nicht gebumst, der muss nur einfach mal die Meinung gesagt werden, findet er. So richtig mit Anlauf. Aber dann schaut er wieder auf Paul, schaut auf Marie, wie sie sich kümmernd über ihren gemeinsamen Sohn beugt. »Es tut mir leid«, sagt er und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn.

Als Hannes ein paar Tage später ins Treppenhaus tritt klingelt sein Handy. Er holt es aus der Tasche und blickt im dunklen Flur auf das Display. Es ist nicht die Nummer von Marie, sondern die Praxis von Dr. Falkenberg.

»Hätten Sie diese Woche vielleicht Zeit für ein Gespräch?«, fragt Dr. Falkenberg. Hannes geht die Stufen hinauf. Er ist erstaunt, dass Dr. Falkenberg selbst am Apparat ist. Es ist ganz still im Treppenhaus.

»Ja, natürlich. Aber meine Frau war doch gerade gestern erst mit Paul bei ihnen.« Er schließt die Wohnungstür auf.

»Darum geht es nicht«, sagt Herr Falkenberg. »Ich würde mich gerne mal mit Ihnen über ihre Frau unterhalten.«

Hannes schluckt und es knackt irgendwo hinten in seinem rechten Ohr. Was Dr. Falkenberg dann sagt, hört Hannes nicht mehr. Er sieht den langen Wohnungsflur entlang. Sieht, wie Marie sich über das Sofa beugt. Wie sie eines der großen Kissen mit voller Kraft auf die Sitzfläche drückt. Wie die kleinen Füße von Paul sich unter dem Druck winden. Wie Marie das Kissen zur Seite schiebt und den blau angelaufenen Paul vom Sofa hebt, der vor ihrem Gesicht röchelt und keucht.

»Mein armer kleiner Schatz«, sagt Marie ganz leise. »Was ist denn nur mit dir? Bekommst du etwa keine Luft?«


jan wehn

©Nina Kühne

Jan Wehn, geboren 1986 in Hagen, Studium der Literatur- und Kulturwissenschaften so wie des Kulturjournalismus in Bonn und Berlin. Ehemaliger Redakteur bei Spex und De:Bug, Kolumnist für Juice, Gründer des HipHop-Magazins ALL GOOD so wie Redakteur für Das Wetter. 2013 und 2015 wurde ich mit dem Rocco-Clein-Preis ausgezeichnet. Ich lebe und arbeitet als freier Journalist und Autor in Berlin und der Nähe von Heidelberg. www.janwehn.de