Weißt du noch | Dreizehn verliebte Notizen
von Philip Krömer

Wie wir mit unserem Tragschrauber auf dem Eiffelturm notlandeten und ganz Paris uns zu Füßen lag und leuchtete? (Nein.)

Wie wir die Dunkle See durchschwammen (der Wellengang turmhoch) und uns einander Rettungsreifen waren? (Nein.)

Wie wir gemeinsam gegen die Riesenfledermäuse (Mystacina miocenalis) fochten, du die Pistolen und ich am Florett? (Nein.)

Wie du mir im Grand Canyon (großartiger C.) auf die Schultern stiegst und wir einen Schlagschatten bis vor die Zelte der Navajo warfen? (Nein.)

Wie du mir, so ich dir, und wir beide Kasparow in drei Zügen (du ich du) schachmatt setzten? (Nein.)

Wie wir mit der Bounty trotz Meuterei und faulem Zwieback eine Nordwestpassage fanden, die fünf Minuten kürzer war als die bisherige (weil du aufs Klo musstest)? (Nein.)

Wie wir King Kong ein Engagement am Broadway verschafften? (Nein.) Daran musst du dich doch erinnern! Die meterlangen Steppschuhe? (Nein.)

Wie wir für einen Tag Bäume waren, keine Trauerweiden, sondern mächtige Eschen, und uns Amsel, Drossel, Fink und Star in den offenen Haaren saßen? (Nein.)

Wie ich morgens in einem Ei erwachte und du die Arbeit schwänztest, um mich bis zum Abend auszubrüten? (Nein.)

Wie wir die Kanonenkugeln der Russen und Türken zuritten, damit sie nachher unter dem Baron Münchhausen nicht bockten? (Nein.)

Wie du unter den Reifen des Hühnerlasters starbst und ich ließ dich aber nicht. (Nein.)

Wie dir die Haifischflosse aus dem Rückgrat wuchs und mich das Revolvergebiss beim Küssen gar nicht störte? (Nein.)

Wie ich berufsmäßiger Schornsteinfeger wurde und wir jeden Tag im Lotto gewannen? (Nein.)

Wie du nach Jahren meine verliebten Zettel noch einmal zur Hand nahmst, mich ansahst und sagtest: Doch, doch, jetzt erinnere ich mich. Das hier (du hieltest mir einen direkt vor meine altersschwachen Augen), war das nicht damals beim Sturm auf Alamo? Und das hier in der Bibliothek von Babel? Und ich sagte: Stimmt, stimmt. Wir hatten Säumnisgebühren zu zahlen, aber Borges bekam die Kasse nicht auf.

Weißt du noch, wie wir lachten. – – – (Ja.)


credit-silvio-guiman-kopiePhilip Krömer, geboren 1988 in Amberg, studiert Germanistik in Erlangen, ist Herausgeber der Literaturzeitschrift Seitenstechen sowie Gründer und Verleger des homunculus verlags. Veröffentlichungen in Zeitschriften (u.a. BELLA triste, Am Erker, Mosaik). Wurde beim 23. open mike 2015 mit dem Preis der taz-Publikumsjury ausgezeichnet. Im Frühjahr 2016 erschien sein Romandebüt Ymir oder: Aus der Hirnschale der Himmel. Er lebt mit Frau und Sohn in Erlangen.