In deinen Augen ist das ein Blauwal
von Judith Sombray

Der Wal kommt, wenn die Spüle leer ist, die Waschmaschine ist leer
der Müll, ich kann den Kopf nicht halten für den Wal, er kommt
über die Küche wie der Geist eines Wals, er hält über dem Haus
wie Neptun, der unheimlichste der Planeten, sein Blas geht durch
die Straßen, wir bemerken ihn als Regen, niemand sieht den Wal
wie er sich über das Viertel senkt, gasförmig, langsam, ohne feste
Oberfläche, alles ist jetzt in der Küche, deine Hände, meine Augen
Pfannen, Musik aus dem letzten Jahrhundert, mit dem Wal hat keiner
gerechnet, mit seinem langsamen Sinken, er buttert die Straßen
wir legen uns zu Boden und das Gas durchrauscht uns, wie Neptun
der Wal, wie ein Ruf lehnt er sich auf uns, wie eine Häuserzeile
die nachts in den Boden geht, wir hängen knapp über der Erde
und in der Musik, in einem Planeten, der Wal hört jetzt auf mit allem
wir atmen lange aus, die Teller klirren nach und die Menschen
sortieren sich, als ob eine Beschwörung vergeht.


juso_m16-kopieJudith Sombray, 1979 geboren in Augsburg, Studium Kommunikationsdesign, 2004 nach Hamburg gezogen und geblieben. Arbeitet als freie Grafikerin und Texterin. Im letzten Ausbildungsjahr zur psychoanalytischen Kunsttherapeutin. Förderpreis für Literatur der Stadt Hamburg 2012 und 2016.

Twitter: @sincerelyjurs