Knallfrosch
von Elisa Helm

Nasse Blätter kleben am Fenster, es stürmt, und als der Knallfrosch nicht zur Schule kommt, nicht zur ersten Stunde, nicht zur zweiten, und zur dritten auch nicht, fragen seine Mitschüler sich erst gegenseitig und dann fragen sie Anton. Der hat ihn nämlich gestern noch gesehen. Hat ihn besucht, wegen der Schülerzeitung, wegen der Geschichte, die er dafür haben wollte, und die er sich so gut vorgestellt hat, weil es eine war, die auch richtige Journalisten interessierte.

„Hat er denn was gesagt? Irgendwas?“, fragen die anderen und bleiben auch nach dem Pausenklingeln im Klassenraum sitzen, weil es nicht nur stürmt, sondern auch regnet, Tropfen, Blätter, Eicheln, und Anton beginnt mit „Na ja …“ und spricht dann nicht weiter und schämt sich, weil, na klar hat der was gesagt und Anton hätte eigentlich auch was sagen sollen. Das weiß er jetzt.

Gestern um kurz nach halb sieben hat er beim Knallfrosch geklingelt. Der Knallfrosch wohnte in einem wirklich, wirklich großen Haus. Einem Schloss fast. Alles ganz neu, mit Kameras gesicherte Mauern und ein Tor darin, das automatisch und geräuschlos geöffnet hat, kurz nachdem Anton geklingelt hat, sauber geharkter Kies dahinter, zwei silberne BMWs, die vor fallenden Kastanien geschützt unter dem Carport standen und bodentiefe Fenster, hinter denen das Licht ganz warm war. Eine Mutter, die die Tür in schwarzem Samt geöffnet hat, freundlich aber nicht konzentriert gelächelt hat und dann zwei schlanken hellgrauen Hunden, die nur geguckt, aber nicht gebellt haben, gesagt hat, dass sie sich hinsetzen sollen. Sie haben aufs Wort gehorcht.

„Wir haben gerade Besuch“, hat die Mutter von Knallfrosch gesagt und sich die langen dunklen Haare hinter die Ohren geschoben. „Ich weiß gar nicht, ob Tom da ist.“

„Müsste er“, hat Anton gesagt: „Wir sind verabredet.“

„Na dann“, die Mutter vom Knallfrosch hat eine einladende Bewegung ins Haus gemacht, in eins mit spiegelndem Boden, mit hohen Decken, mit Kronleuchtern, mit leiser Musik.

„Treppe rauf“, hat sie gesagt, sehr nett, und sich dann entschuldigt, um wieder ins Wohnzimmer zu verschwinden. Der Besuch.

Knallfrosch wird Knallfrosch genannt, weil er mal so einen angezündet hat, in der vierten Klasse. Der hat drinnen viel lauter geknallt als draußen und dann haben ein Heft und ein Turnbeutel gebrannt und alle mussten dann raus und ein paar Kinder haben geweint und der Knallfrosch hat ziemlichen Ärger bekommen. Seine Eltern wurden dann in die Schule gerufen, aber es hat ein bisschen gedauert, bis sie wirklich gekommen sind, weil sein Vater auf Geschäftsreise war und von der erst mal wieder zurück sein musste, und als die beiden dann doch kamen, sahen sie ganz neutral und nett aus, so, als würden sie an einem Wochentag ins Restaurant um die Ecke gehen und nicht zu einem Gespräch, von dem sie sich ja denken konnten, dass ihnen da ziemlich der Kopf gewaschen werden würde.

Sie mussten dann ganz allgemein ziemlich oft kommen. Der kleine Brand in der Schulklasse war ja nicht das Einzige, war ja nur der Anfang. Anton glaubte, und die anderen auch, dass der Knallfrosch das ganz gut fand, wenn seine Eltern ständig kommen mussten.

Antons Schritte auf den Treppenstufen sind leise und gedämpft, wegen einem tiefen teuren Teppich. Oben ist dann laute Musik hinter einer verschlossenen Tür. Hip Hop aus den allertiefsten 90ern. Der Knallfrosch hat Anton erst nicht gehört, dann doch, hat an seinem Schreibtisch gesessen, die Füße auf dem Tisch, barfuß in diesen weißen Nikes, die aussehen wie Stiefel, gewippt hat er damit und was auf seinem Handy gelesen und Dr. Pepper aus einer Dose getrunken.

„Hey“, hat er gesagt und: „Krass, schon wieder wegen dieser Bahngeschichte, oder? Ist doch jetzt echt schon ein Eckchen her alles.“

Er hat ihm eine Dose hingehalten und „Willst du auch?“, gefragt. Anton hat „Cool, danke“, gesagt und dann für eine Einleitung viel zu weit ausgeholt.

„Hey“, hat Knallfrosch gesagt. „Ich muss gleich los. Also frag mal, was du fragen willst und dann, na ja.“

„Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?“, hat Anton dann gefragt. Die Frage stand nicht auf seinem Zettel, passte auch nicht an den Anfang, war ihm aber so eingefallen, weil, dieses Haus, in dem es nach Apfelkuchen roch und seine Mutter und der Besuch und die Hunde und überhaupt.

Vor zwei Monaten war Knallfrosch in einer richtigen Zeitung gewesen. Oder in mehreren, genau genommen, wegen dieser S-Bahn-Geschichte, wegen der Bahn, von deren Dach er nach dem Surfen gesprungen und unglücklich gelandet ist, Bein genäht, Bein geschient und die Presse war dann ganz wild auf seine Geschichte. Seitdem musste er Sozialstunden machen und zum Schulpsychologen und jeder wollte ständig wissen, warum und wieso heimlich und wie überhaupt und warum er sich nicht mit ganz normalen Hobbys, so wie die anderen, und und und …

„Meine Eltern?“ Knallfrosch hat mit einem Stift gespielt, der von innen geleuchtet hat, hat ihn zwischen seinen Fingern gedreht, dann auf das Handy geguckt, das ständig auf dem Tisch vibriert hat und dann zu den geöffneten Fenstern, hinter denen der Wind mal leiser, mal lauter wurde, mal aggressiv und so, dass es klang, als würde er jeden Moment etwas vom Boden reißen und vorbei schleudern. Beim Warten auf eine Antwort hat Anton sich im Zimmer umgesehen. Groß war es, der Teppich eisgrau, die Möbel aus schwarzem Metall und alles war voll mit so „Glow in the Dark“-Sachen. Wo man auch hinguckte, gab es etwas Buntes, das leuchtete. Mit einem Verdacht hat Anton den Kopf gehoben und gesehen, dass er recht hatte, das an der Decke auch diese Sterne klebten, die nachts neongelb wurden, Sterne, Planeten, Monde. „Ach, eigentlich nicht so viel“, hat Knallfrosch den Satz beendet, als Anton ein zweites Mal gefragt hat.

Anton hat auf seinen Zettel geschaut. Ein wenig ratlos. „Und äh, hm, machst du so was denn öfter?“, hat er dann gefragt.

Knallfrosch hat gelacht. „Na ja, das kann ich ja jetzt schlecht sagen.“

„Wieso?“

„Na, wenn du das in dieses Schülerding da haben willst, meine ich. Wenn das dann jemand liest, ich mein, ich will mich nicht anstellen. Aber schwarz auf weiß ist halt immer schlecht. “

„Das heißt ja?“

„Ja schon, aber das kannst du halt nicht schreiben. Frag mich doch mal was, auf das ich auch antworten kann.“

„Was denn?“

„Na, wie es sich anfühlt oder so.“

„Wie fühlt es sich denn an?“

„Willst du das echt wissen?“

„Auf jeden Fall.“

„Dann solltest du mal mitkommen.“

Anton hat geschwiegen. Nur geschaut.

„Ich mein das ernst. Wenn du ´ne coole Geschichte haben willst, über das Gefühl, auf ´nem Zugdach zu stehen, dann solltest du mich nicht fragen. Dann solltest du es selber fühlen. So funktioniert das doch. Also ´ne Geschichte zu schreiben.“

Anton hat sich auf das Bett vom Knallfrosch gesetzt. Allein schon wegen dem Gedanken daran, das mitzumachen. Dann hat er sich nach vorne gelehnt. Den Arm auf sein Knie gestützt. Überlegt, was er sagen soll. Dann doch weiter geschwiegen.

„Na ja, heute Abend zum Beispiel. Wird ´ne gute Nummer diesmal. Letztes Mal wahrscheinlich, bevor der Winter kommt.“

„Wer ist eigentlich wir?“

Knallfrosch hat Anton angesehen. Kurz. Prüfend. „Na ein paar Leute und ich“, hat er dann gesagt. Hat gelächelt. Hat eigentlich immer gelächelt, nachdem er was gesagt hat, freundlich, aber so, als wäre das Lächeln im Prinzip für jemand anders bestimmt. Anton hat vor sich gesehen, wie das mit seiner Geschichte platzt.

„Wie fühlt es sich denn nun an?“, hat er gefragt. Knallfrosch hat erst auf seine Uhr, dann auf sein Handy gesehen. Die Fenster zugemacht, die Vorhänge zu, die Heizung aus. Ist dann wortlos losgegangen. Anton ist ihm nach. Unten hat Knallfrosch die Hunde gestreichelt, bevor sie das Haus verlassen haben. Dann hat es richtig gestürmt. Bunte nasse Blätter flogen und klebten sich an das nächstbeste, an Autofenster, an Hosenbeine, an Fahrradkörbe. Der Abend war tiefdunkel, fast beunruhigend. Die Straßenlampen kamen kaum dagegen an.

Anton ist eine Weile neben dem Knallfrosch hergelaufen. Der hat einen schnellen, schwungvollen Schritt gehabt. Hatte seine Kapuze auf, das Wetter und der Wind haben eine Kulisse für seinen ganz eigenen Film gemacht.

Nach drei Ecken ist Anton langsamer geworden. Wegen dem Gefühl, sich nur durch das Mitlaufen zu irgendetwas zu verpflichten und da dann nicht mehr rauszukommen. Er hat, unsinnigerweise, schon wieder an den Geruch von Apfelkuchen gedacht, an ein warmes Wohnzimmer. Das friedliche Lächeln von Knallfrosch vor Augen gehabt. Er ist noch langsamer geworden.

Knallfrosch war nicht überrascht, als Anton sich verabschiedet hat, kurz bevor der Bahnhof sichtbar wurde. Er hätte Hunger, müsse noch Hausaufgaben machen und überhaupt. Der Schülerzeitungsbericht.

„Oh, ja klar“, hat er gesagt, die Gedanken schon woanders, schon viel weiter voraus wahrscheinlich. „Dann dir noch ´nen guten Abend. Hau rein, wir sehen uns morgen.“ Dann, nach kurzem Überlegen hat er noch mit seiner Faust gegen seine geschlagen. Ist dann im Dunkeln verschwunden. Seine Schritte sind schneller geworden, dann hat man ihn rennen gehört.

Anton ist dann nach Hause. Die Stadt im Rücken. Leute, die in der Nacht ihr Glück in ihr testen mussten, bevor der Winter kam, auch. Er musste daran denken, wie Knallfrosch sechs Wochen lang auf Krücken zur Schule gehumpelt ist, das Bein von oben bis unten eingegipst, das Beste vom Sommer ohne Wimpernzucken verpasst hat. Dass er jetzt wieder unterwegs war. Und überhaupt.

Zu Hause hat er dann diese Nachricht bei WhatsApp gelesen. Vom Knallfrosch. „Weil ich gerade warten muss, ganz kurz. Wie es sich anfühlt. Es fühlt sich gar nicht besonders an. So, wie andere Sachen auch, bei denen was auf dem Spiel steht. Es gibt da diesen einen Moment. Diesen, an dem man über eine Grenze hinaus ist. Diesen Moment in dem dir niemand, nicht mal, wenn er es wirklich wollte, etwas sagen könnte, etwas zurufen könnte, „Lass das“ oder so, irgendwas, in diesem Moment bist du für niemanden erreichbar. Du fliegst jenseits der Grenzen, die mal jemand gesteckt hat. Und dieser Moment ist alles. Kostbar, vor allem im Nachhinein. Wenn du so einen Moment einmal hattest, brauchst du ihn wieder. Nur immer besser. Heute testen wir es schneller, windiger. Wenn’s klappt, beim nächsten Mal höher. Ja, wenn’s klappt. Drück die Daumen.“

Anton hat sich nicht so sehr gewundert, als der Platz von Knallfrosch am nächsten Tag leer geblieben ist. Keiner wusste was Genaues, nur so Gerüchte kannte jeder. Warum er gestern Abend nichts gesagt hat, fragt sich Anton jetzt. Oder mitgegangen ist. Aber, so komisch es ist, wenn jemand sagt, dass er fliegen kann, dann glaubt man ihm das irgendwie.


image1-kopieElisa Helm lebt in Hamburg und arbeitet dort als Social Media Managerin. 2014 erschien ihr Kurzgeschichten-Booklit „Nachtbilder“ im Literatur Quickie Verlag. Weitere Texte wurden in Anthologien veröffentlicht – unter anderem im „Ziegel – Hamburger Jahrbuch für Literatur“ (Dölling und Galitz Verlag) und „Hinter den Lichtern“ (Beltz und Gelberg). Elisa Helm gehört seit 2013 dem Forum Hamburger Autoren an und arbeitet zur Zeit an ihrem Roman „Wasserspiele“.