Rückfahrt aus Österrreich
von Frietzsche 

Obwohl unsere Expedition so tragisch und wie vorzeitig geendet war und ich  dem  Land  ewig  die  feiste  Ungeheuerlichkeit  seines  bloßen  Daseins  vorhalten werde, so gab es auch schöne Ereignisse, von denen ich gerne abschließend/hier berichten will.
Es waren also die letzten Tage unserer beschwerlichen Rückreise. Der nun  völlige  Wahnsinn  meines  letzten  Gefährten  hatte  bereits  am  Tage  zuvor  das  lavendelfarbene  Stadium  erreicht,  so  dass  ich  ihn  schweren  Herzens am  Wegesrand  ausladen  musste  und  ihn  einem  Rudel  hungriger  aber freundlicher  Wölfe  überließ.  Ich  drehte  mich  nicht  ein  Mal  um,  und  ich vernahm auch keinen Klagelaut.
Die am nächsten Tag folgende Sonne hatte sich schon wieder weit hinter die Berge geschoben und ich fuhr die wild geringelte Straße talwärts, als nach einer Biegung völlig unvermittelt drei hellhäutige Grazien mit ebenso weißem,  wie  wirrem  Haar  mitten  auf  der  Straße  in  der  noch  jauchzend jungen Sommernacht standen. Wie toll trat ich die Bremse, nur um gerade noch rechtzeitig kurz vor ihnen zum Stehen zu kommen.

Völlig  unbeeindruckt  standen  sie  da  im  Lichtkegel  meiner  Scheinwerfer und  starrten  mit  entzückter  Miene  in  die  klare  Sommernacht. Zwischendurch  schoss  immer  wieder  eine  ihrer  spitzen  Zungen  in  den nächtlichen Himmel, um einen mundvoll Insekten zu erhaschen. Als bemerkenswert  erschien  mir  ihre  spärliche  Bekleidung,  die  sich  doch von der  landestypischen  Tracht  zu  unterscheiden  schien.  Sie  trugen allesamt ein  transparentes  Negligee  in  einem  rosagrauem  Ton,  der  sie noch blasser erschienen ließ sowie eine silbern gerahmte Schärpe auf der in großen Lettern ‚Dorf mich!’ stand.
‚Wer seid ihr denn?’,
‚Wir sind die Bi Tells.’
Die  Antwort  überraschte  mich  ein  wenig.  Viel  wusste  ich  nicht  über  die sagenumwobenen  Beatles,  dennoch  erschien  es  mir  abenteuerlich,  sie ausgerechnet  hier  ganz  zufällig  in  der  Nacht  zu  treffen.  Ich  beschloss meinen Zweifeln Ausdruck zu verleihen.
‚Solltet  ihr  nicht  zu  viert  sein  –  so  als  Beatles?  Und  auch  schon  teilweise tot?’
Das war ungeschickt formuliert. Empört starrten sie mich an, sie umkreisten mich eine zeitlang, bevor ich eine Antwort bekam.
‚Wir  sind  unsterblich!’,  so  die  Erste,  während  die  beiden  anderen  mich weiter giftig anzüngelten.
‚Tssssst.’
‚Und was macht ihr hier?’
‚Gerechtigkeit.’, sprach die eine
‚Wir stehen hier für die Liebe!’, sprach andere
‚Und die Freiheit.’, las die dritte von ihrer Hand ab. ‚Groooße Freiheit.’
Nun in den Wertekanon wollte ich gerade derart mit einstimmen, dass mir dieses alles gleich sei, da herrschte mich die Mittlere unvermittelt an.
‚Nimm uns. Mit.’
Wie  sollte  ich  den  so  unsterblichen  Beatles  einen  Wunsch  abschlagen, zumal ihr Großmütterchen und die von ihm betriebene Kultstätte ja quasi auf  meinem  Weg  lagen.  Und  so  sprach  einer  derartigen  Vereinbarung nichts  entgegen  –  außer  ein  leichtes  Unbehagen,  welches  mir  aber  ja bekanntlich bereits zum vertrauten Gefährten verkommen war.
‚Mögt ihr Musik?’
‚Nicht so.’
Das hätte ich mir auch denken können.
‚Du  hast  deine  Rundfunkgebühren  nicht  bezahlt.’,  raunten  eine  von  der Rückbank  und  steckte  mir  ihre  spitze  Zunge  bedrohlich  tief  kringelnd  ins Ohr.
‚Das muss ich auch nicht.’
Die 3 zischten und klapperten unbefriedigt mit den Zungen. Ich versuchte mich auf die Straße zu konzentrieren, was mir nur schwerlich gelang. Nach einer  Weile  unternahm  ich  einen  weiteren  Anlauf,  eine  Unterhaltung  ins rollen zu bringen.
‚Unsterblich – wie ist das denn so?’
‚Nicht so schön. Aber lässt sich halt nicht ändern. Wenn man die einmal hat, wird man die nicht mehr los.’, gestand die Erste.
‚Außerdem  juckt  die  ganz  schrecklich.  Das  hört  nie  auf.’,  ergänzte  die zweite
‚So  was  will  keiner  haben.  Verkaufen  kann  man  die  auch  nicht.  Passt  in keine Schublade.’, resümierte die Letzte.
‚Das  tut  mir  leid.’,  zeigte  ich  mich  verständnisvoll,  fand  sie  aber  doch etwas  wehleidig.  Ich  wusste  nicht,  dass  Unsterbliche  solche Jammerlappen sein können. Wir schwiegen wieder. Kurz vor unserem Ziel fiel mir dann noch eine wichtige Frage ein.
‚Wie heißt ihr eigentlich?’
‚Schoko, Pfeffer und Erdbeerchen.’
Dieses  Land  und  seine  Töchter  werden  mir  ein  ewiges  Rätsel  bleiben.  So schwor ich mir.
Wir erreichten des Großmütterchens Tanke; ich lud die drei Fräuleins aus, bedankte  mich  aufrichtig  für  das  nun  gänzlich  von  Fliegen  und  Insekten befreite  Gefährt,  erstand  am  Kiosk  die  Juniausgabe  von  Mann  von Klapperstange und passierte am darauf folgenden Tage die Grenze.


Frietzsche  hat  sich  einst  selbst  erfunden,  um  einem  alten  Familienfluch zu entkommen. Es war also eine echte Kopfgeburt. Um seine eigene Existenz zu bezeugen,  verfasste  er  seither  unzählige  Schriftstücke  und  begann  sich auf Poetry-Slam-Veranstaltungen  aufzuführen.  Dort  wurde  ihm  auch  sein erster ‚Dr.-Buhmann-Gedächtnispreis’  verliehen.  Weitere  alberne Auszeichnungen sollten noch folgen.

Frietzsche  lebt  in  Hamburg  als  Schriftsteller  und  Poetry-Slammer.  Da  so einer wie er unmöglich davon leben kann, lebt er halt dafür. Und das erstaunlich gut.