E_Quadrat. Energie + Entscheidung.
von Katja Schraml.

„Die häufigste Redensart in seinem Munde war das Wort ‚Man sollte‘. Es war die Formel für ein wehmütiges Erwägen von Möglichkeiten, vor deren Erfüllung die Entschlussunfähigkeit stand. Man sollte dies und jenes tun, dies und jenes sein oder haben. Man sollte einen Leipziger Gesellschaftsroman schreiben, sollte, sei es auch als Tellerwäscher, eine Weltreise machen, sollte Physik, Astronomie studieren, ein Gütchen erwerben und nur noch im Schweiße seines Angesichts die Scholle bestellen. Hatten wir uns in einem Kolonialwarengeschäft ein wenig Kaffee mahlen lassen, so war er imstande, beim Hinaustreten mit nachdenklichem Kopfnicken zu äußern: ‚Einen Kolonialwarenladen sollte man haben!’“

Thomas Mann, Doktor Faustus

Entscheidungsschwierigkeiten, ich habe Entscheidungsschwierigkeiten. Ja/Nein/Ich weiß nicht. 3 Antworten, von denen 2 für 1 Leben ausreichen sollen, das einem dezidiertes Auf_treten abverlangt Tag für Tag. Ja/Nein/Ich weiß nicht.

Ach was, sagt die Bescheidwisserin und fegt mit der Hand meine Bilder vom Brett, das ich ihr im Einzelgespräch kopfüber präsentiert. Zu viel Energie potentiell hätte ich da aufgestaut, die (energy) könne nicht mehr hinaus.
Mhm. Auf so 1 Be_gegnung erst mal ent_gegnen z.B. reserviert reagieren, wenn überhaupt – das tun die Großstädter so, sagt der Simmel, dahinter verbirgt sich der Hass.

Zu viel Barrieren Grenzen Mauern hätt ich da um mich herum aufgebaut. Und alles spiele sich im Inneren ab; bis etwas hinausgelange, sei es filtriert selektiert sterilisiert. Was solle das noch für Aus_sagekraft haben?
Also gut, Wiederholung. Wie soll man sich denn heutzutage entscheiden? Linksrechtsreihum wie 1 Kettenkarussell schwing ich die Arme aus, wenn ich begreiflich machen will, was das heißt: decision. Daran kreisen all meine guten Argumente, die zähl ich ihr buntlustig auf: Nehmen Sie nur Marmelade! Nur mal als Beispiel. Wissen Sie, wieviele Marken es gibt?

Fixiert, sagt die Bescheidwisserin. Sie sind aufs Essen fixiert.
Wenn man nicht mehr Mhm sagen kann, weil der Rest Zustimmung in Form des schweigenden Anerkennens schon zu viel, dann schüttelt man am besten den Kopf. Das passt auf oder zu so gut wie alles + jedem. Ich bin nicht auf irgendwas fixiert. War ich nie. Mit Bändern ans Bett vielleicht mal, weil das Energielevel wieder so hoch, dass keiner mehr sicher vor mir, doch selbst das kommt mir vor wie 1 Traum, weil man mich k.o. weggespritzt, damit ich schön schliefe zur Erholung, was nie funktioniert, weil die Alpe mich überall finden.

Wie viele Stunden stehen Sie denn täglich im Supermarkt?
(Der Mann, der sich Notizen macht von den Beschreibungen der Produkte an den Regalen im Baumarkt. 1 Zettel so groß wie 1 Handteller, die Schrift Bleistiftspitzengetreu 1:1.) Was weiß ich. Ich habe Entscheidungsschwierigkeiten. Das ist alles. Wie soll man die nicht haben in unserer konsumorientierten Welt. Ich will ihr 1 Text vorlesen zum Thema Weltbilder, da hätte ich in der Kürze alles gesagt, was man ausholen erweitern niemals vervollständigen kann. Doch global darf ich ihr nicht kommen, weil ich dann nur von mir ablenken würde (De_lokalisation).

Füllen Sie die Leere des Lebens nicht mit Essen auf?
Da sind noch nicht mal die Eigenmarken der Supermarketenderinghandelsketten dabei.

Wenn Sie sich nicht entscheiden können, heißt das auch, dass Sie 1 Beschäftigung haben. Sonst hätten Sie vielleicht nichts, mit dem Sie sich auseinandersetzen können.

Ach so. Dann muss ich kurz ausruhen + nach_denken, weil ich sonst unter zu viel Druck auseinanderbreche wie 1 Schale Ei. Zu viel Energie. Hab ich an_hinein_um mich herum_gehäuft tonnenweise. Jetzt lauf ich nicht mehr richtig rund. Zu unförmig zum Rollen. Ich bin nicht kugelig genug = energetisch optimiert. Ich fühle mich wie 1 nasser Sack, der vom Dachboden gefallen ist. Zu schwer geworden wie in der Werbung und durch die morschen Balken gekracht. Jetzt liege ich da zwischen den zerbrochenen T_raumtrümmern auf dem Betonboden und kann mich nicht rühren. Aber deswegen von der Bewegungstherapie befreit werden wie früher vom Schulsportunterricht: keinesfalls. Ich muss genauso in den Park und schön die 3 Runden drehen, die irgendjemand sich vorgenommen: man muss ja mal was schaffen. 1 Ziel, 1 kleines, sich vornehmen, durchziehen, erreichen. Punkt. So was regt mich furchtbar auf. Das macht mich erst recht wahnsinnig.

Auch das ist die Energie, sagt die Bescheidwisserin, und deutet auf das kaputte Brett, das ich ihr symbolisch mit der Faust zerteilt vor die Füße geworfen.
Da sitz ich stumm wie 1 Potential, 1 behäbig buddhistischer Berg, den kann nichts erschüttern, die Arme verschränken zur Stabilisation des Gleichgewichtes im Ruhepunkt meines eigenen Zentrums. Komisch. Wenn man was kaputt gemacht hat, ist einem gleich viel wohler ums Herz. Und doch gleich wieder traurig. Hunger hätt ich auch. Die Stunde will + will nicht vorbeigehen.

Die Energie könne aus dem ummantelten Gefängnis nicht heraus, die müsse durch die untersten Kanäle + Gänge sich winden und baue immer mehr Druck auf, bis ihr irgendwas ganz anderes in die Quere komme = den Lüftungsschacht biete. Da sprenge sie durch.
Insofern könnten das Fluchen + Fuchteln Gegen_stände, ohne das ich nicht mehr aus_komme, positiv sein, wenn es Zeichen der freigelassenen Energie sind. Oder negativ, weil die Energie nicht zielgerecht dort eingesetzt, wo sie erzeugt: Anbeiaufder Person selbst. (Was ist die Umkehrung 1 Personifikation?) Die verwinkelten Gänge des Gehirns = Ganglinienschützendeckungsgräben lassen einen den Ursprung dieser Wut nicht mehr zurückverfolgen. Wenn ich damals nicht im Supermarkt hängengeblieben wäre, säße ich heute nicht hier. Wie auf Droge im Rausch falsch im Gangliniensystem abgebogen, eingesunken im Morast + steckengeblieben. Da komm ich jetzt nicht mehr raus. Ich bin kein Münchhausen.

Sie machen es sich unnötig schwer. Sie haben es in der Hand. Sie können Entscheidungen treffen.
Ja/Nein/Ich weiß nicht. Konfitüre! Die ganzen möglichen Kombinationen & Konsistenzen. Das ist 1 mathematische Frage, wie viele Produkte man da herstellen kann. Wenn man noch Gewürze + Geschmacksverstärker einbezieht, dazu die verschiedenen Sorten + Süßen: Wie soll man sich denn da bitte für 1 entscheiden? Und das ist nur Marmelade! Bei dem Wort Marmelade habe ich geschrien. Spätestens. Vielleicht schon früher. Inmitten all der Möglichkeiten, die meinen Kopf umsurren wie lästige Fliegen, dreh ich mich um mich selbst brummkreiselig durch, wisch zisch ich die Hände aus + vorbei: ich erwisch keine einzige. Stattdessen wachsen die Biester sich zu dicken Brummern aus und drücken mich nieder, ich gerat aus dem Takt und krieg nicht mehr die Kurve, verliere die Achse und kippe hintüber, eier durch den Raum und leier langsam aus.

Ja/Nein/Ich weiß nicht. Das war meine tägliche Übung: 1 Entscheidung treffen. Und Kriterien suchen, damit mans leichter hat. Ausschlussgründe Wertetabellen Lustprinzip. Aber immer, wenn ich auf zweidrei Produkte herunter war im Vergleich, schrie mir der kaschpar ins Ohr, warte! Ich glaube, du hast das Beste nicht drin! Das hast du vorher durch irgendsoeinscheiß Kriterium ausgeschlossen. Du musst von vorne anfangen. Am Anfang beginnen. Und beim nächsten Mal hatte ich 3 vollkommen andere Produkte am Ende stehen – und keine Ahnung, wie das jetzt zustande kam. Wo der Fehler lag. Und in welcher Entscheidungsreihe: jetzt oder vorher.

Es kommt ja nur auf die Perspektive an – man kann das so oder so sehen.
Ach ja?
Sehen Sie doch mal genau hin. Es geht Ihnen doch gut!
(Der Sack sagt was anderes.)
Alles um Sie herum ist in der besten Ordnung. Sie haben 1 Wohnung. Sie haben 1 Arbeit. Sie haben 1 Auskommen. Die Probleme, die Sie hier haben, hätten Sie auch anderswo, die nehmen Sie überall hin mit. Woanders wirds nicht besser. Sie sind überall Sie. Es liegt in Ihnen.
Ich höre immer, es liegt an mir.
Sie sind depressiv.
Ich bin depressiv. (Warum denn nur?) Wenn der Problemerkenner die Perspektive wechselt, wird er zum Problemseienden: Wir (das System) haben kein Problem. Du bist das Problem. Der Problemerkenner pocht aber darauf, nein: ich erkenne 1 Problem! Das System hält dagegen: Wenn du nicht wärst, hätten wir kein Problem. Du hast 1 Problem. Und schon ist man der Problemhaber.

Sie haben zu viel Energie aufgestaut. Lassen Sie die doch mal raus.
So viel Energie.
Sie müssen die Energie umwandeln in etwas Positives.
Der kaschpar lacht ihr ins Wort hinein. Die Frau am Meer seufzt, das kann sie gut.
Gespalten. Sie sind in Ihrer Persönlichkeit gespalten. Sie wollen es allen Recht machen und sich selbst auch.

Ja/Nein/Ich weiß nicht.

Dann darf ich gehen und mir keine Gedanken machen.
Denken mache depressiv. Mehr Bewegung, weniger Gedenkung.
Na gut. Ich versuchs.
Ansonsten mal Elektroschocks. Das sei wieder modern.
(Dabei bin ich nicht mal bis zu den ganzen Delikatess_ImEx_porten gekommen. Am besten ich schreibs ihr mal auf.)


katja schramlKatja Schraml, *1977 in Bayern, Studium der Neueren deutschen Literatur, Sprachwissenschaft und Soziologie in Würzburg, lebt in Berlin. 2015 erschien ihr Debütroman „Josef der Schnitzer Stumpf“ im KUUUK-Verlag. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften (u.a. Wiener Werkstattpreis 2016, art-experience Kulturfestival 2015, Karussell, keine!delikatessen). Sie bloggt auf www.kaschpar.wordpress.com.