Oleg
von Lars Peters

„Hab Sie gleich erkannt“, sagt er unerwartet leise, bleibt sitzen, fegt noch schnell die FAZ vom Tisch. Dann fährt sein Ringfinger aus der Faust und weist bestimmt auf den Platz ihm gegenüber. Ich setze mich brav hin. Zwischen den Hautwülsten taxieren mich kleine, kluge Schweinsaugen.

„Schöner Tach heut, was?“ Er erwartet keine Antwort. Sein Schädel glänzt im Sonnenlicht, die Zunge leckt die Lippen. Ansonsten keinerlei Bewegung.

„Was darf’s denn sein?“, fragt schräg über uns eine adrette Blondine.

„Espresso ohne alles. Sie?“

„Einen Milchkaffee, bitte.“

„Mädchenkaffee, das passt!“, er lacht tonlos, entspannt sich dabei ein bisschen. „Ich brauch kein Zeugnis von irgendwem, brauch ich nicht, guck ich gar nicht rein; ich guck einem ins Gesicht, dann weiß ich schon bescheid.“

Sein Kopf ruht auf einem taubenblauen Anzug, im offenen Kragen kaum Hals. Ich warte.

„Die Baugrube da“, sein Kopf ruckt nach rechts. „Jetzt passiert’s. Wer mitzockt, sahnt ab. Bin schon dabei, ganz legal dabei. Oder woher glauben Sie“, sein Kopf ruckt zurück, „haben die Kaffeetanten hier ihr Startkapital? Von einer unserer brillanten Banken?“ Er gluckst: „Prost, Schriftsteller!“

„Sie haben mich ja hierher bestellt…“, setze ich an, da bringt er mich mit einer Bewegung seiner Rechten zum Schweigen. Er hebt sie nur einmal sacht von der Tischplatte, aber für mich reicht das schon.

„Wer, Herr Schriftsteller, glauben Sie, hat denen dahinten die Grube ausgehoben? Und wer Frappant in drei Monaten runtergeknüppelt? Und wer den ganzen Scheiß weggekarrt? Und was haben die Jungs beim Arbeiten im Cockpit stehen, in ihren Kränen und Baggern und Sattelschleppern, na was wohl, was?“

Ich zucke die Schultern.

„Das!“

Er zieht eine Plastikpuppe hervor. Sie ist gut fünfzehn Zentimeter groß, weiblich, wohlproportioniert, sehr nackt. „Wackelbarbie für den Kerl. Gibt’s auch mit roten Haaren oder schwarzen, asiatisch, afrikanisch, was Sie wollen, mit Pferdeschwanz wie unsere kleine Studentin hier, alles für 19 Euro 80. Und was, meinen Sie, ist mein Reingewinn?“

Jetzt erwartet er erkennbar eine Antwort.

„Keine Ahnung“, sage ich.

„17 Euro 50. Fernost. Direktvertrieb. Ehrlich verdientes Geld, kein Schmu, garantiert. Bei mir kann das Finanzamt jederzeit auflaufen, meine Bücher sind okay, das ist viel zu gut gemacht für die. Ich hab einen erstklassigen Buchhalter, viel Erfahrung, Fachhochschule, hab die beste Sekretärin der Republik, Gretchen, Abschlüsse, Fremdsprachen, alles. Der diktiere ich einfach so in den Kuli. Ich vertraue der. Die fälscht meine Unterschrift seit zwanzig Jahren. Ich bin ein guter Arbeitgeber, und mein Anwalt ist Doktor in Strafrecht. Da sagen Sie nix mehr, was?“

Puppe weg, Brillenetui auf den Tisch, sein Kaffeemund kommt mir vertraulich nahe: „Ich brauch keinen Plan für meine Geschäftsideen. Da schreib ich nix zu auf, ich hab das alles hier!“, er tippt sich an die Stirn, auf der sich einige Schweißperlen gebildet haben. „Ich mache einfach, und was ich mach, ist Geld, Geld wie Heu, das mach ich!“

Ich sage nichts. Schließlich will er was von mir.

Er öffnet das Etui, fährt sich mit dem Brillenputztuch einmal über den Schädel, sagt: „Und Sie haben keine Kohle. Nein, widersprechen Sie mir nicht, ich habe das gecheckt. Sie haben Ihren Job geschmissen und schlagen sich jetzt an Schulen durch. Prekariat, sagt mein Doktorchen, der Anwalt, akademisches Prekariat! Und wofür das Ganze? Was, sagten Sie gleich wieder, verdienen Sie mit Ihrem Geschreibsel? Soll ich’s Ihnen verraten?“

Das geht zu weit. Ich erhebe mich wortlos, da springt er behände auf. „Setz dich, nun setz dich schon wieder, kein Problem, alles easy, ich hab ja was für Sie, also bitte, bitte, setzen Sie sich, nun setzen Sie sich schon, Sie können ja gehen, wenn Ihnen der Vorschlag nicht passt.“

„Welcher Vorschlag denn?“, sage ich und setze mich wieder. Sein Anwalt hat gut recherchiert. Ich bin nicht mehr so jung und brauche das Geld.

„Sehen Sie, so ist’s gut“, seine Rechte macht eine beschwichtigende Bewegung, die mich beschwichtigt. Diese Hand hat Macht. Wie macht sie das nur, dass sie tatsächlich bewirkt, was sie bezweckt?

„Jetzt trinken Sie noch was, einen Hugo oder Spritz oder was die Schickeria bei mir auf Sankt Pauli jetzt immer will. Oder wenigstens ein Mineralwasser.“

„Einen Sanbitter dann halt.“

„Sanbitter und noch einen Espresso!“, ordert er, fährt sich mit seinem Brillentuch über das Gesicht, „na also, na also.“

„Also?“, frage ich.

„Also die `Talja“, sagt er, „nettes Mädchen, aus der Ukraine. Hab ich geheiratet, warum auch nicht, nett, sexy, kinderlieb… Ich hab die gesehen und gedacht, die ist nix fürs Geschäft. Ich sehe jemandem ins Gesicht, und dann sehe ich sowas. Ich lese es den Gesichtern ab, verstehen Sie?“

„Ich verstehe“, sage ich und verstehe noch immer nichts.

„Die `Talja also. Hab ich vor fünf Jahren geheiratet. Nette Frau, späte Liebe, mehr braucht’s im Leben nicht, oder? Und Oleg ist vier, und sie kümmert sich um ihn. Rührend. Wir haben ihn trotzdem in den Kindergarten getan, kann ja nicht andauernd an Mamas Rockzipfel hängen. Der kann schon mit Zahlen umgehen und ist grad mal viereinhalb“, sagt er und schluckt seinen zweiten Espresso zack weg. „Aber wenn ich dem sage, eine Frau verdient in einer Stunde einen Euro, wie viel bringt die in vier, dann zeigt er mir vier kleine Finger. Der ist ein Genie, der Oleg, und in Wirklichkeit ist’s auch nicht anders, hängst du halt noch zwei Nullen dran! Tja-ha! Und die `Talja! Die liest dem Oleg auf Russisch vor, ihre Hieroglyphen, kann ich ja nicht verhindern, oder? Und der Oleg also, der kommt vorletzte Woche zu mir und sagt Schau mal, Väterchen! und zeigt mir seine erste Hieroglyphe.“

Väterchen reibt sich mit dem Brillenputztuch übers Gesicht. Plötzlich wirkt er müde, die Brille liegt ungebraucht im Etui.

„War bei uns nicht so, was?“, sagt er. „Mit Kindergarten und Vorschule, in die der Oleg bald kommt, schwups ist er sieben, acht und schreibt ganze Romane. Mit sieben, da bin ich mit Vossi durch den Busch getigert und hab Patronenhülsen gesammelt, das Schießen abgewartet und dann die Patronen weggeschleppt. Tütenweise. Vom Truppenübungsplatz. Und dann hinter unserer Behelfswohnung in Klein-Moskau das Messing mit der Zange rausgelöst. Warum auch nicht? Gab gutes Geld. Jeden Tag hab ich genutzt, Kohle gemacht, Cash Kralle. Hab schnell kapiert, worauf es ankommt, war immer schneller als der Vossi. War ja nicht so wie heute, wo du an den Schulen rumspringst und den Kiddies, die es nicht draufhaben, Deutsch beibringst. Respekt, meinen Respekt! Haben echt Dusel, die Kids, das da heute so drauf geguckt wird, und mein Anwalt sagt, du machst das gut. Umgebe mich gern mit Experten. Jeder tut, was er kann, und soll dafür anständig bezahlt werden, stimmt’s, Schriftsteller?“

„Warum warten Sie nicht erstmal ab, wie die Schule bei Oleg anschlägt?“, sage ich, „so, wie Sie ihn beschreiben, sehe ich eigentlich kein Problem.“

Er stiert zu mir rüber, der Schweiß rinnt ihm jetzt ungebremst den Schädel runter. Er nimmt die Brille aus dem Etui, legt sie wieder zurück, klappt das Etui zu, ich liege vollkommen falsch. Er schweigt. Ich schweige und trinke einen Schluck Sanbitter.

Dann sagt er leise: „Bitte!“

Und weil mir das peinlich ist, senke ich den Blick und betrachte seine machtvolle rechte Hand, die befehlen und beschwichtigen kann und die sich mir jetzt mit gekrümmten Fingern entgegenstreckt und das auf eine Weise tut, wie ich es noch nie gesehen habe, so eine Not. Und da durchzuckt es mich, und ich weiß Bescheid und denke Scheiße!

„60 Euro die Stunde“, sage ich und denke 100, 100 hättest du sagen sollen!

„Kein Problem“, sagt er, „kein Problem.“

„Und 1000 für die Vorbereitung“, schiebe ich schnell nach, „ich muss erstmal überlegen, wie das überhaupt geht.“

Und er sagt: „Das ist kein Problem, überhaupt kein Problem, Geld ist doch nicht das Problem, Mann!“

„Beides?“, frage ich, und jetzt guckt er betreten weg, dahin, wo die FAZ liegen muss, die er vorhin gedankenschnell abgeräumt hat.

„Schon gut“, sage ich. „Wir kriegen das hin. Ich weiß zwar noch nicht, wie, aber wir kriegen das hin. Es wird allerdings dauern.“

„Kein Problem“, sagt er, „ich brauche halt nur den Vorsprung vorm Oleg.“

Und dann tätschelt er meinen Arm mit seiner mächtigen rechten Hand, der Hand, die ohne Umschweife fast alles kann.


Lars PetersGeboren `68, zeigte Lars Peters früh revolutionäres Genie: Er malte Panzer, Jets und brennende Städte (Psychologenbesuch) und quälte ein stilles Mädchen in seinem Kindergarten (kein Psychologenbesuch), was ihn für die Ausübung eines pädagogischen Berufes quasi prädestinierte. Dritter Preis in einem landesweiten Puzzlewettbewerb.

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