Formalitäten
von Maike Braun

Seit drei Wochen verdörre ich auf diesem Fliegenschiss im Südpazifik. Seit drei Wochen lebe ich im Paradies und wünsche mir ein Stück Hölle herbei.
Ich laufe am Strand entlang. Das Wasser ist lauwarm, die Wellen plätschern lustlos vor sich hin. Weit und breit kein Bikini in Sicht. Nur Einheimische mit ihren Bälgern. Ich komme mir wie ein Hai in einem Schwarm Clownfische vor.
Ich gehe zurück ins Dorf und verkrieche mich in meinem Zimmer im christlichen Männerheim. Ein Feldbett, ein Regal, kein Türschloss. Kein Frauenbesuch und keine Klimaanlage. Und seit kurzem ist auch noch der Ventilator kaputt. Den werde ich mir jetzt besorgen.
Ich schlendere die Straßen hinunter, rücke vor der Fensterscheibe des Gemüsekrauters meine Sonnenbrille zurecht. Wie erwartet, ist er nicht da. Heute ist Markttag.
Ich gehe um das Gebäude herum, schlage ein Fenster ein, als mir einfällt, dass hier sowieso niemand abschließt. Auch egal. Im Halbdunkeln taste ich mich bis zum Laden vor, klemme den Ventilator unter den Arm und verlasse das Geschäft durch die Vordertür.
Den Rest des Tages liege ich auf dem Bett und ertränke die Erinnerung an Hamburg in Bier.

Am nächsten Morgen gehe ich zum Prediger. Er will mir Arbeit beschaffen. Nicht dass ich mich darum reiße, aber wenn ich nicht wenigstens so tue, als sei ich interessiert, setzt er mich auf die Straße. Und nachdem ich schon bei den Mormonen rausgeflogen bin, werden langsam die kostenlosen Unterkünfte rar. Außerdem ist seine Haushälterin süß. Sie hat einen Spalt zwischen den oberen Schneidezähnen, den ich gern mit meiner Zunge erkunden würde.
Heute versteckt sich Marie allerdings hinter dem Vorhang aus Holzperlen. Der Alte schaut grimmig.
Gestern Nachmittag, sagt er, ist im Gemüseladen eingebrochen worden. Marie hat dich aus dem Laden kommen sehen.
Die Tür war offen, erwidere ich.
Wenn du dich hier eingliedern willst –
Will ich nicht.
– musst du dich an die Regeln deiner neuen Heimat halten.
Meine Heimat ist Hamburg.
Deine Mutter kommt von hier.
Sie ist mit zwanzig abgehauen.
Der Prediger beugt sich vor. Ich kann die Pickel auf seiner Nase sehen. Die Luft zwischen uns geliert.
Martin Fokanola, sagt er und setzt zu einer seiner Ich-will-dir-doch-nur-helfen-Predigten an. Ich hasse es, wenn jemand meinen Namen ganz ausspricht. Ich bin MF. Kurz und bündig. Wenn er mir helfen will, soll er mir ein Ticket zurück nach Hamburg spendieren.
Er hat einen Job in einer Tauchschule für mich. Ich soll das Equipment überprüfen. Tauchschule, das bedeutet Touristen und das wiederum bedeutet Mädels. Mädels, die sich vögeln lassen.
Ich willige ein.
Auf dem Hof sehe ich Marie, wie sie die Hühner füttert. Wenn ich den Ventilator zurück bringe, rufe ich ihr auf Englisch zu, gehst du dann mit mir tanzen?
Sie schüttelt den Kopf.
Warum nicht?
Lern erst mal tonganisch.
Dann eben nicht, sage ich und trete nach einem Huhn.

Die Tauchschule gehört einem Australier. Er kann gar nicht begreifen, dass meine Mutter nach Deutschland gegangen ist. Regnet es da nicht ständig?
In den Clubs nicht.
Er verzieht das Gesicht, will wissen, wie alt ich bin.
Gerade achtzehn geworden, antworte ich. Sonst hätten sie mich ja nicht abschieben können.
Er begreift es immer noch nicht.
Meine Mutter ist illegal dort, erkläre ich.
Dass mein Alter sie nie geheiratet und sie jahrelang als Matratze benutzt hat, geht ihn nichts an.
Und wofür steht MF?
Die Erinnerung bricht über mich herein, schnell und brutal wie ein Tsunami. Es war in der zweiten Klasse, in Erdkunde. Wir sollten auf der Weltkarte zeigen, wo wir herkommen. Ich deutete auf Hamburg. Die Lehrerin nahm meinen Finger und fuhr damit bis ans andere Ende der Karte. Ich musste auf die Knie, um die Scheiß-Insel zu finden. Einer meldete sich. Wohnen dort nicht Kannibalen? Die Klasse grölte. Jahrelang war ich MF – Menschenfresser. Bis ich den Typen um einen Kopf überragte und ins Koma prügelte. Ich war elf.
Für was steht jetzt MF?, insistiert der Australier.
Mister Fanatic, sage ich. Wer mir krumm kommt, wird gnadenlos verfolgt. Zum Beweis zeige ich ihm auf meinem Handy ein Bild.
Mein Alter, nachdem ich ihn in der Mangel hatte, sage ich.
Von da an spricht der Australier nur das Nötigste mit mir.
Heute ist mein freier Tag. Normalerweise fahre ich in die Stadt. Was die hier so Stadt nennen. Aber heute gebe ich einer Touristen-Tussi Privatunterricht. Einer Deutschen. Ich habe ihr gesagt, ich bin zertifizierter Tauchlehrer. Mein Englisch würde nicht ausreichen. Nur deswegen würde ich den Handlanger machen. Das hat sie geschluckt.
Eigentlich müsste man sie mit Steinen beschweren, damit sie untertaucht, so aufgeschwemmt ist sie. Stattdessen lege ich mich auf sie. Das gefällt ihr. Ich fummle ein wenig an ihr herum. Das geht ihr zu weit. Schnepfe. Ich stehe allein da mit meinem Steifen. Ich schlage ein Picknick vor.
Ich kenne eine Stelle, sage ich, da kann man gleichzeitig die Sonne unter- und wieder aufgehen sehen.
Das sei ja wohl nur an den Polen möglich. Eine ganze Schlaue.
Zwei Stunden später hole ich sie mit dem Moped ab. Der Australier braucht es jetzt sowieso nicht. Wir knattern zur Spitze der Insel. Ich breite eine Decke aus, hole Bier, Chips und Bananen aus meiner Tasche. Frauen mögens ja gesund.
Die Sonne geht unter. Ich beginne mit den Füßen der Tussi und arbeite mich langsam hoch. Ich flüstere ihr irgendwelchen Quatsch ins Ohr, den wir mal in der Schule lesen mussten. Schließlich lässt sie mich rein. Die Sonne geht auf.
Ich bin ihr Erster. Ich sage, sie ist die Beste. Sie fragt, ob ich es ernst meine. Natürlich, sage ich, was ja auch stimmt. In gewisser Weise. Sie ist mein Ticket in die Freiheit.

Ich habe nicht mehr viel Zeit. Sie bleibt noch genau zehn Tage auf Tonga. Bis dahin muss sie mich heiraten, wenn ich unter diesem dauerblauen Himmel nicht verrotten will.
Eine Woche lang sülze ich sie voll, begrabsche sie bei jeder Gelegenheit. Der Australier fühlt mir die Stirn.
Ich meins ernst, sage ich. Wenn ich was mache, dann richtig.
Wie bei deinem Vater?
Den hab ich nie gefunden. Das Foto ist von einem Kumpel.
Drei Tage vor der Abreise mache ich ihr einen Antrag.
Sie sagt ja. Aber. Sie will erst zurück, alles klären, die Papiere, blablabla. Ob ich mir sicher bin. Immerhin sei sie sechs Jahre älter als ich.
Ich beschließe, zu dramatischeren Mitteln zu greifen, zücke mein Buschmesser und ratsche mir quer über den Unterarm. Mein Blut tropft in den Sand.
Sie willigt ein. Ihre Augen leuchten, als ob sie soeben eine verwaiste Ladung Ecstasy-Pillen entdeckt hätte.
Zwei Tage später traut uns der Prediger. Der Australier und Marie sind die Trauzeugen. In der Nacht stelle ich den Ventilator vor die Tür des Gemüsekrauters. Sie ist abgeschlossen.
Über Holland fliegen wir nach Deutschland. So gibt es keinen Ärger mit den Papieren. In Frankfurt sinke ich auf die Knie und küsse die Granitplatten der Flughafenhalle.
Mit der Bahn fahren wir weiter, steigen mehrmals um. Ich habe ganz vergessen zu fragen, wo sie wohnt. In der Nähe von Stuttgart, sagt sie. Das ist irgendwo in Süddeutschland. So viel weiß ich.
Ich wuchte das Gepäck aus dem Waggon und schleppe es die Unterführung hinunter und wieder hinauf. Wir kommen an einem mehrstöckigen Wohnhaus an. Eine Mutti wischt das Treppenhaus. Sie fragt etwas in einem Dialekt, den ich nicht verstehe. Mein Verlobter, sagt meine Angetraute und die Putze pfeift durch die Zähne.
Wieso Verlobter?, frage ich.
Ich glaube kaum, dass die deutschen Behörden eine Eheschließung aus Tonga anerkennen.
Was soll der Scheiß?
Das ist doch nur eine Formalität, sagt sie, küsst mich und schiebt mir die Zunge in den Mund.
Ich stoße sie von mir. Nicht jetzt.
Sie zieht eine Augenbraue hoch, schließt die Tür auf.
Die Wohnung ist eine Mischung aus Barbieschloss und Hochzeitstorte. Es riecht klebrig-süß. Ich fläze mich aufs Sofa. Hier halte ich es keine zwei Wochen aus. Hoffentlich geht das schnell mit den Papieren.
Ob ich ihr mal helfen kann?, fragt sie spitz.
Ich schleife die Koffer ins Schlafzimmer. In ihrem Bett drängeln sich Kuscheltiere, von der Deckenlampe baumeln Herzchen. Am Spiegel klebt ein Zeitungsartikel. Wieder straffällige Tonganer abgeschoben.
Ich beginne zu lesen. Sie kommt herein, reißt den Artikel ab, zerknüllt ihn.
Willst du dich nicht frisch machen?
Ihr Tonfall gefällt mir nicht, aber ich muss tatsächlich pinkeln. Ich gehe ins Bad. Sie telefoniert im Wohnzimmer. Ich sei toll, höre ich sie sagen. Dann kichert sie. Kurz darauf steht eine Freundin vor der Tür.
Die gefällt mir schon eher. Ihre blondierten Haare sind zu einem Pferdeschwanz gestrafft. Push-up unter dem T-Shirt. Sie mustert mich.
Wow, Pummelchen, sagt sie. Das hätte ich dir nicht zugetraut.
Pummelchen wird pink wie gekochter Schinken.
Die Freundin presst sich an mich. Angeblich will sie sehen, um wie viel ich größer bin. Mein bestes Teil reagiert sofort. Sie grinst. Ich auch.
Da fährt Pummelchen flink wie eine Wasserratte zwischen uns und zerrt mich aus dem Raum.
Noch sind wir nicht offiziell verheiratet, zischt sie. Und selbst wenn, musst du erst einmal ein paar Jahre mit mir verheiratet bleiben, bevor du eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erhältst.
Sie starrt mich an wie die Dicke aus einem dieser Mädchen-Doppelpacks:  Beide tragen dasselbe Kleid, dieselbe Frisur, aber nur eine von beiden wird beachtet. Sie ist die andere. Und wird es auch immer bleiben.
Ich stiere zurück und fühle mich wieder in den Geographieunterricht zurück versetzt, bin der Junge, der nicht kapiert, warum ihn ein Fleck im Südpazifik zum Menschenfresser macht.
Willkommen in der Hölle, murmle ich, da haben wir ja was gemeinsam, und fühle mich zum ersten Mal seit Langem nicht allein.


Maike BraunMaike Braun wurde 1962 in Reutlingen geboren. Studium der Biologie in Deutschland, den USA und England. Nach zwei Jahren Hirnforschung acht Jahre bei einer internationalen Unternehmensberatung. Seit 2002 selbständig als Unternehmensberaterin.  Ausgebildete Mediatorin. Wohnhaft in Hamburg. Verheiratet, drei Kinder.

Erster Preis im Prosawettbewerb 2004 des FDA Hamburgs; TORSO-Literaturpreis 2010.; Shortlist Richtungsding-Literaturpreis 2014.