Mittwoch
von Ursula Schötzig

Ich hatte ziemlich kurze Haare früher. Raspelkurz, wie der Rasen unserer Nachbarn, wenn er frisch gemäht war. Und er war oft frisch gemäht. Meine Schwester schaukelte auf unserer Schaukel, ihre Haare waren länger, der Wind kam von rechts, blies den ganzen Sommer Staubkörner in unsere Einbahnstraße, und ich hockte auf den Bäumen.
Ben kannte meinen Blick, wenn ich was ausgefressen hatte, er kam dann immer zu mir auf den Baum, überhaupt hockten wir sehr viel auf den Bäumen diesen Sommer, dort oben, wo nur kurze Haare erlaubt waren, die Aufnahmeprüfung im Kirschkernspucken bestand ich mit Bravour.
Eigentlich hatte ich Hausarrest, meine Mutter zwang mich, mit meiner Schwester Barbiepuppen zu spielen, ich hasste Barbiepuppen von Geburt an, wartete immer noch auf meine erste Autorennbahn, nie würde ich später Ringelsöckchen und Blümchenkleider anziehen. Zwei, drei Kleider lang hatte ich Geduld, dann nicht mehr, dann riss ich Barbie den Kopf ab, schraubte Ken ein Loch in seine Lenden und fuhr ihn in meinem roten Abschleppwagen der Marke Sesko spazieren. Meine Schwester brüllte meine Mutter herbei, meine Mutter brüllte mich an, und kurz darauf brüllte ich, da ich in meinem Zimmer eingeschlossen wurde, ich hörte noch den Schlüssel einrasten, der Wind von rechts hatte nachgelassen.
Das mit dem Abseilen ging dann schnell, ich hatte Übung, das Seil lag bereits unterm Bett, ich wartete noch, bis die Trösterei unten zu Ende war und lief so schnell ich konnte zu den Bäumen. Ben und die Jungs warteten bereits, die Äste knackten unter mir und das Hoch, das uns in diesen Tagen begleitete, hieß Klaus mit K.

Das Spiel, das wir spielten, hatte keinen Namen, jeder von uns musste versuchen, so schnell wie möglich auf die andere Seite zu gelangen. Auf die andere Seite des Flüsschens, das die Bäume von der Siedlung trennte, ohne vorher den Boden zu berühren. Wir hangelten uns von Ast zu Ast, beim letzten Baum vor dem Wasser hielten wir inne, nahmen noch mal Schwung und landeten unsanft im Gras der kleinen Böschung. Olaf, von uns nur „big bounty“ genannt, verlor jedes Mal das Gleichgewicht und fiel mit dem Hintern zuerst ins Wasser. Wir lachten. Derjenige, der als Erster drüben war, ohne nasse Füße, durfte bestimmen, was wir an diesem Nachmittag machen wollten. Meist bestimmte Ben, er war geschickt im Klettern, und meist spielten wir dann Fußball. Ich war stolz, wenn Ben mich in seine Mannschaft  wählte, ich konnte schnell laufen und gut schießen, und ich war stolz auf meine blutigen Knie, wenn ich abends heimkam.

Zu Hause beim Abendessen zog Tief Carla über uns hinweg. Carla war der Zweitname meiner Schwester, sie hatte das Seil entdeckt und gepetzt, außerdem musste ich nun mit zu Omas Geburtstag. Omas Geburtstage waren häßlich, zumindest die Vorbereitung, wenn es darum ging, welche Kleidchen wir anziehen würden. Ich weigerte mich trotzig. Carla brachte Regen mit sich und weitete sich zu einer ausgewachsenen Gewitterfront aus. Ich wurde zu einem selbsternannten Hoch, und ich kämpfte erbittert gegen den Tiefausläufer, der mir stolz seine rotkarierten Faltenröcke vorführte und der noch Verstärkung von meiner Mutter bekam, meine Mutter war so dick, dass sie nie etwas anderes als Röcke trug, und sie war der Meinung, dass auch Töchter nichts anderes als Röcke tragen sollten, und kurze Haare passten einfach nicht dazu.
Nach fünf Tagen war die Gewitterfront verzogen, mein Hoch hieß jetzt Helmut, und ich durfte wieder rausgehen.
Ich ließ mich zwischen den Zweigen nieder, es fühlte sich inzwischen an wie ein Wohnzimmer, und ließ mir von den Jungs erzählen, was ich alles versäumt hatte. Fußball, Fußball, ein angezündeter Papiercontainer, Fußball. Und ich wurde hochgelobt für meine Abneigung gegen Kleider, Kleider waren was für Mädchen.
Wir sprangen fast gleichzeitig auf, unser Spiel, ich vergaß es fast vor lauter Reden, die Äste zitterten unter uns, ich war ausgehungert und hangelte mich noch vor Ben auf den letzten Baum an der Böschung. Ben warf mir einen funkelnden Blick zu, er keuchte ziemlich, wir setzten beide zum Sprung an – er landete im Gras, ich blieb mit einem Bein im Wasser hängen. Trotzdem freute ich mich auf Fußball.
Als sich die Jungs alle um uns versammelt hatten, setzte Ben seine Siegermiene auf, jetzt würde er seine Mannschaft auswählen, und ich würde endlich wieder dabei sein, er bäumte sich vor mir auf. Sah mich an. Grinste. Sagte: Ausziehen! Ich lachte, sah kleine Wölkchen da oben am Himmel, sah aber auch die ernsten Gesichter der anderen. Warum, fragte ich, weil ich Erster bin und bestimmen darf, sagte Ben, und ich bestimme, dass du dich jetzt ausziehst.
Meine Mutter hatte mich gewarnt, als sie dunkle Wolken aufziehen sah heute Morgen, eine längere Kaltfront nähert sich, sagte sie, es wird bald Herbst.
Unsicher zog ich einen Schuh aus, der sowieso schon nass war. Ich sah an Bens Gesicht, dass es nicht reichte, und zog noch einen aus. Und dann langsam das T-Shirt und dann die Jeans und dann blickte ich Ben nochmals an, er rührte sich nicht, ich stand in Unterhose vor ihm. Zog die Unterhose auch noch aus und war nackt. Die anderen wollten kichern, trauten sich aber nicht, und so starrten sie mich nur neugierig an. Starrten auf meinen Körper, der nun ein Fremdkörper war, zwischen all den Jungenkörpern, die bis jetzt alle gleich aussahen, nur meiner war ab jetzt anders. Bis Ben anfing zu lachen. Er lachte, und immer länger, jetzt durften die anderen auch lachen, die Kaltfront war kälter als erwartet. Ich drehte mich um und rannte weg. Ließ meine Sachen liegen, wo sie waren, sie würden sie verbrennen nachher, in einem der Container, vorher würden sie daran riechen, so wie Jungs an Mädchenklamotten riechen, wenn sie zum ersten Mal einen Mädchenslip in der Hand halten. Ich hatte Tränen in den Augen, ich wollte nicht, dass ich Tränen in den Augen hatte, Tränen waren was für Mädchen, ich schämte mich und heulte und rannte. Nach Hause.
Die Kaltfront war da. Sie kam von Westen, der Wind hatte gedreht, wurde schärfer und kam nun von links, meine Schwester sah mich mit großen Augen an, als ich nackt an ihr vorbeistürmte, ich gab ihr eine Ohrfeige und lief in mein Zimmer.
Ich hatte nicht damit gerechnet, mich so dazwischen zu fühlen, so zwischen den Tagen.

Zu Omas Geburtstag musste ich dann doch nicht mit, sie starb wenige Tage vorher an einem Herzinfarkt. Ich sortierte meine Kleider aus.
Ben und die anderen habe ich diesen Sommer nicht wiedergesehen, mein Vater kaufte mir eine Autorennbahn, wir schraubten stundenlang an Ersatzteilen herum und diskutierten über die richtige Bereifung auf Plastikbahnen.
Ein kleines Hochdruckgebiet drängte sich noch an das Tief, es hieß Jasper und wollte eigentlich gar nicht lange bleiben, verfing sich jedoch in den Bäumen und war das letzte seiner Art. Die Luft wurde kühler.
Bald darauf zog Steffen in unsere Straße, seine Haare waren länger, wie die von dem Sänger dieser Band, die meine Eltern toll fanden und deren Name ich immer vergesse, und er durfte immer ziemlich lange draußen bleiben. Er mochte Autos, kletterte allerdings nicht gern auf Bäume, da er mal von einem Ast gefallen war und seitdem unter Höhenangst litt.
Ich war wieder mehr draußen, ließ mir von Steffen erklären, dass die Band auf Deutsch „Käfer“ heißt, und Bäume fand ich mittlerweile doof. Ich beschloss, meine Haare länger wachsen zu lassen.


Ursula Schötzig, geb. 1972 in Braunschweig, lebt als freie Lektorin, Korrektorin und Autorin in Hamburg. Studium der Italianistik und der Kunstgeschichte in Hamburg und Venedig, vorher als Au-Pair in Florenz. Sie arbeitete an diversen Theatern als Souffleuse, Requisiteurin und Regieassistentin. Aufführung des Hörspiels „Weiterhin unbeständig“ bei Deutschlandradio Kultur 2011 sowie weitere Veröffentlichungen in Anthologien.

Hamburger Literaturförderpreis 2005 und 2016; 1. Preis beim AstroArt-Literaturwettbewerb 2011.