Heimverteidigung mit allen Mitteln
von Lukas Rietzschel

Seitdem die Tochter einen Freund hat, soll sie ein Pfefferspray bei sich tragen. Seitdem die Grenzen offen sind sowieso. Das hat Ralf Menzel so seinem Nachbarn gesagt. Dem gehört die rechte Hälfte des Doppelhauses. Es hat eine Weile gedauert, bis sie sich auf das Hellgrün als gemeinsame Fassadenfarbe geeinigt hatten. Du hast einen Sohn, sagt Menzel, du hast Glück. Du brauchst dir darüber keine Gedanken zu machen. Der Nachbar lächelt und klopft sich auf die Schulter. Wenn es gut läuft, ist sein Sohn sogar bald Polizist. Vom Großstall her kommt der süße Duft von Kuhdung. Können froh sein, dass es kein Schweinemastbetrieb ist, sagt der Nachbar. Ralf Menzel geht trotzdem ins Haus. Er setzt sich auf das Sofa zu seiner Frau und tupft  ihr  den  Mund  ab.  Wenn  sie  wenigstens  einen  Führerschein  hätte,  sagt  er,  müsste  sie nicht bei diesem Vollidioten mitfahren. Hast du gesehen, wie der durch den Ort rast? Seine Frau legt ihre Hand auf seinen Oberschenkel.  Ihre  Finger zittern. Sie tätschelt  ihn.  Das  ist schön, das fühlt sich warm an nach der Zeit vor der Tür.

Menzel  wacht  zeitig  auf.  Der  Mund  seiner  Frau  steht  offen  und  ihr  Arm  ist  seltsam  unter ihrem  Kopf  verschränkt.  Genau  so  war  sie  eingeschlafen,  denkt  er.  Sie  hat  sich  die  ganze Nacht nicht bewegt. Selbst im Schlaf scheint eines ihrer Lider schwächer als das andere zu sein. Er versucht, ihren Arm zu lösen. Es geht nicht, also lässt er es. Seltsam, dass sie nicht friert. So wie sie da liegt. Er schließt die Zimmertür leise und läuft ins Bad. Die nackten Füße auf  dem  plattgedrückten  Teppich.  Sollte  unbedingt  hochflor  sein.  Das  ist  davon  übrig geblieben.  Oberkörperfrei  putzt  er  seine  Zähne.  Die  Poren  seiner  Nase  sind  groß,  er  geht näher an den Spiegel heran. Er kratzt sich an der Wange, er spannt die Muskeln des Armes, der nicht die Zahnbürste hält. Dann streichelt er sich mit den Fingerkuppen über die Schulter. Er dreht sich zur Seite und die Schulter noch ein Stück weiter. Schwarze Haare, er kann sie sehen.  Fangen  am  Hals  an  und  sind  vor  allem  am  Schulterblatt.  Das  kann  er  im  Spiegel erkennen. Manche wachsen aus den Leberflecken.

Er trinkt einen Kaffee aus der Padmaschine, einen normalen, schwarz. Das süße Zeug, das seine Tochter kauft, mag er nicht. Draußen ist es noch dunkel bis auf die Laternen, die den Weg zum Kuhstall ausleuchten. Die Straße aus Betonplatten. Große, breite Rillen dazwischen, aus denen Moos und Gras wächst. Es scheint, als läge permanent Dampf in der Luft, rund um den Kuhstall. Ständiger Nebel. Man kann ihn riechen, je näher man dem Stall kommt. Der Nachbar nennt das Mock. Immerhin kein Schweinestall

Sein  Suchverlauf  sieht  wie  folgt  aus:  „Selbstverteidigung  Waffen“,  „Waffen  zur Heimverteidigung“, „Heimverteidigung  mit  allen  Mitteln“,  „Waffenschein“  „Waffenschein Dauer“,  „Waffen  ohne  Waffenschein“,  „Armbrust  kompakt“.  Die  Muskeln hat  er,  um  eine Armbrust zu spannen, das steht nicht zur Debatte. Stand es nie. Du musst aber schnell laden, hat der Nachbar gesagt. Ja, da lag das Problem. Und dann vor allem treffen. Auf Anhieb. Du hast ja nur einen Versuch. Ja, stimmt schon.

Von der Umgehungstraße aus kann er die Windräder sehen. Er kann auch Cunnewitz sehen, für einen kurzen Moment von oberhalb der kleinen Kuppe, bevor die LPG-Tankstelle kommt. Dann der Steinbruch und der Kreisverkehr. Irgendwann der Baumarkt, ein Autohaus, noch ein Autohaus.  Erster  Termin:  Reuter.  Zweiter  Termin:  Sondermann.  Dritter  Termin:  Fehlauer. Mittagspause. Dann nochmal drei Termine. Er kauft sich einen Kaffee im kleinen Becher. Die großen passen nicht in den Getränkehalter.

Dass er in Peggy Töpfers Beauty- und Massagesalon geht, wegen seiner Rückenschmerzen,  ist bekannt. Das hat kurzzeitig sogar die Krankenkasse unterstützt. Dass er auch mit Peggy Töpfer schläft, weiß zumindest seine Familie. Seine Tochter in jedem Fall, vielleicht hat sie es mittlerweile ihrer Mutter bestätigt. Peggy hat starke Hände und wenn er sie von hinten sieht, wofür er seinen Kopf verrenken muss, hat sie die Körperform einer Birne. Sie massiert ihn nackt, aber dafür muss es warm sein im Zimmer. Er ist der letzte Termin am Tag. Meistens am Mittwoch und Freitag. Und nackt ist er auch. Und er hat sich das gewünscht, mit ihr zu schlafen. Hatte gehofft, dass es passieren würde. Und er wollte auch endlich mal wieder eine Frau küssen, die rauchte.

Seine Frau hatte zum Abiball der Tochter schön ausgesehen. Sie hatte ein Kleid getragen. Seit langer  Zeit  das  erste  Mal  und  es  war  ihr  viel  zu  weit,  aber  schön.  Die  Tochter  hatte  es ausgesucht. Aus  dem  Kleiderschrank.  Das  andere  war  lila,  dunkles  lila,  das  hätte  nicht gepasst. Er hatte ihr das Zigeunersteak geschnitten, das es im alten Tanzsaal des Gasthofes gab. Früher waren dort auch Kinofilme gezeigt worden. Sie hatte nicht gekleckert und als er sich umschaute, nur kurz aufsah, bemerkte er, wie anerkennend die Leute blickten. Oder sich wegdrehten.  Ja,  das  Kleid  war  wirklich  zu  weit  gewesen,  aber  sie  hatte  sich  so  darüber gefreut.

Liebst du sie noch? Fragt Peggy. Es ist schon dunkel draußen. Ein, zwei Autos fahren über die Straße aus Betonplatten. Bei Traktoren hört man das Ruckeln nie, wenn sie über die Rillen fahren. Dafür sind die Reifen einfach zu groß. Er kann in den Vorraum sehen, wo Stühle wie in einem Arztzimmer aufgereiht sind. Auf dem Poster über den Rückenlehnen sind Steine zu sehen, die auf einem Bauch liegen. Weiß nicht, sagt er. Peggys Brüste sind klein, sie braucht eigentlich keinen BH. Lass uns mal wegfahren, sagt sie. Wohin? Vielleicht Mallorca. Ja, sagt er. Wenn er mit ihr schläft und noch nicht kommen will, wenn er es herauszögern will, denkt er an Hände, die Hackfleisch kneten. Es dürfen alle Hände sein, nur nicht die seiner Mutter.

Nicht mehr lange, dann wird die Tochter ausziehen. In Dresden ein Studium beginnen, oder ein Praktikum. Jedenfalls sucht sie sich eine WG. Ihr Freund arbeitet woanders. Das ist gut, aber das Pfefferspray braucht sie trotzdem. Nach Mallorca kann er aber nicht fliegen. Wenn sie ausgezogen ist, erst recht nicht. Vor ein, zwei Jahren vielleicht. Jetzt geht das nicht mehr. Er kauft sich einen Kugelgrill. Wenn schon ein Grill, dann ein Kugelgrill. Und wenn schon ein  Kugelgrill,  dann  einen  von  Weber.  Beim  Kauf  bekommt  er  die  Grillbibel  dazu.  Zähes Fleisch kann seine Frau nicht mehr schneiden, da hilft er ihr. Kauen gerade noch so. Sprechen eigentlich  nicht  mehr.  Mühsam.  Manchmal  kann  er  noch  einige  Worte  verstehen.  Das  ist ziemlich schnell passiert, rückblickend.

Er steht zeitig auf. Sechs Termine. Ein Wessi darunter, aber die haben keine Ahnung. Das ist ganz gut. Mittags diesmal eine Bockwurst. Dienstags und donnerstags bringt er Kuchen mit nach  Hause.  Montag  hat  der  Bäcker  zu.  Mittwoch  und  Freitag  gehen  nicht.  Beauty-  und Massagesalon. Die Massagen braucht er dringend.

Toll, wie du das machst, sagt der Nachbar. Steht vor seiner Haustür und raucht. Ich könnte das nicht, mit dem Füttern und so. Am Wochenende hätte ich Zeit, sagt Peggy. Wir könnten ja mal nach Dresden. Oder nach Pulsnitz. Zum Pfefferkuchenmarkt.

Vor  einiger  Zeit  hat  sie  das  erste  Mal  nach  der  Massage  seine  Rückenhaare  entfernt.  Mit Wachsstreifen. Das hat ihm wehgetan, er hat aufgeschrien. Wirklich nur ganz kurz. Dann ist es ganz warm geworden und er spürt ihre Hand jetzt anders, wenn sie über seinen Rücken streichelt. Besonders bei den Schulterblättern. Er mag das. Aber die Haare wachsen schnell wieder nach. Er kann es jeden Morgen sehen. Und sie stacheln, wenn er ein frisches Hemd anzieht. Manchmal sogar auf dem Bettlaken. Seine Frau röchelt im Schlaf. Er versucht, sie zu drehen, auf die Seite, irgendwie, aber sie bewegte sich nicht. Ihr Arm klemmt wieder unter ihrem Kopf.

Sein Suchverlauf: „Pfefferspray legal“, „Pfefferspray Distanz“. Selbstverteidigung ist wichtig, seitdem die Grenzen quasi nicht mehr überwacht werden. Er wendet ein Stück Fleisch und haucht in die Luft. Grillen kann man auch im Winter. Mit einem Kugelgrill sowieso. Auf der Terrasse hinterm Haus riecht er den Mock der Kühe nicht. Immerhin kein Schweinestall, ja ja. Er hat vergessen, die Blumenkübel in den Keller zu räumen. Noch vor dem ersten Frost hätte das  passieren  sollen.  Auf  Mallorca  ist  jetzt  immer  noch  wie  Sommer.  Die  Windräder,  der Steinbruch.  Die  Traktoren  hört  man  nicht  auf  den  Betonplatten.  Der  Bäcker  schließt demnächst, dann muss er zum Backshop. Sie hatte so schön ausgesehen in dem Kleid. Lila hatte ihr ohnehin nie gestanden.

Er  liegt  neben  Peggy  und  spürt  die  kurzen  Haare  seines  Rückens.  Sie  verhaken  sich  im Bettlaken. Er hat starke Arme. Seine Muskeln stehen nicht zur Debatte. Standen sie nie. Er ist nicht gekommen. Weinst du? Fragt Peggy. Nein.


Lukas Rietzschel, 1994 in Räckelwitz geboren: Ich verkaufte mit meinem Bruder Steine an die Nachbarn. Wir legten sie auf eine Pappe und Blätter vom Löwenzahn daneben und ich besprühte  sie  mit  Wasser,  damit  sie  im  Licht  der  Hauseingänge  glänzten.  Ich  ließ  meinen Bruder klingeln, weil ich mich nicht traute, obwohl ich älter war als er. Das hielt er mir dann immer  vor.  Und  im  hohen  Gras  hinter  der  Rutsche  beim  Spielplatz,  wo  die  Punks  ihre Zigaretten  drehten,  verschwand  ein  Reh.  Auf  der  Straße  angefahren, schleppte  es  sich  die Anhöhe  hinauf,  blickte  um  sich  und  sah  uns.  Es  riss  seinen  Kopf  in  die  Höhe  und  rannte schnaufend zwischen die holen Birken der matschigen Wiese. Wir fanden es erst ein halbes Jahr später und legten seinen Schädel, um ihn zu desinfizieren, in Cola ein. Das hatte ich so ähnlich bei Galileo gesehen.