Farben

von Sebastian Görtz

Findeisen steht vor dem Spiegel und betrachtet mit Wonne, wie das rotblonde Stoppelfeld seines Viertagebartes ins Waschbecken nadelt. Hunde könnten keine Farben sehen, dachte man früher, weiß Findeisen, und er weiß auch ganz genau, dass dies ausgemachter Blödsinn ist. Hunde sehen sehr wohl Farben. Sie sehen allerdings nicht das gesamte Farbspektrum, das der Mensch sieht. Rotblond ist sein Bart, sein Haupthaar aschblond, sein Schamhaar noch schön schwarz. Schwarz, rot, gold, wenn er Kopfstand macht. Bei einer Reise auf die Südhalbkugel, muss er noch nicht einmal Kopfstand machen. Von außen betrachtet wären die deutsche Flagge und er genau identisch, da die Heimat zu seinen Füßen kopfüber am anderen Ende der Welt hängt. Mit anderen Worten: In der Ferne wird Findeisen zunehmend deutscher. Das weiß er, denn er ist oft auf der Südhalbkugel. Geschäftlich. Und diesmal flog er erstmals nicht allein, Start ab Franz Josef Strauß. Long-legged Larissa durfte ihm zum ersten Mal nach all den Jahren in die Ferne folgen, ihrem Alltag hinterm Schreibtisch entfliehen.

Auf Wunsch könnte er Larissa Langbeinfledermäuse in den Sümpfen zeigen, log-legged bats, und sie verstünde die Anspielung nicht. Sie würde verunsichert fragend mit ihrem Kopf weit von oben herab auf Findeisen tief hinunter schauen, aus grünen Augen, so dass ihm wiederum bei so einem Anblick die Beine schwächelten und er am Grunde ihrer Stiletto-Füße zusammenbrechen würde vor Wollust. Er hätte unter ihrem grünen Blick einen breakdown und würde upskirt auf ihre ureigene Fledermaushöhle glotzen können, doch Findeisen weiß, dass er nichts sähe, auch keine grünen Augen, denn es wäre stockfinster, denn long-legged bats are nocturnal creatures. Im Gegensatz zu ihm sehen sie im Dunkeln gut, Hunde in der Dämmerung.

Es brummt der Kopf, logisch, der Flug, der harmlose Schluck Scotch aus der Minibar, Larissas Nähe. Findeisen kennt viele Wörter für den Zustand: kirre, blümerant, screwed up. Gold, rot, schwarz. So ein Blödsinn. Der Alkohol, die Aufregung.

Der Bart hat sich ausgenadelt, die Gesichtshaut ist aquaplaningspiegelglatt. 4711. Klassisch, ganz klassisch. Findeisen liebt es klassisch. Seine Frau auch. Doch die ist zu Hause. Hat hier nichts zu suchen: nicht in Brasilien, nicht in Rio, nicht im Badezimmer dieses hotel rooms. Nicht, während er das 4711 zurück in den Leitkulturbeutel steckt und sich erst im lichten Noch-Aschblond und daraufhin im struppigen Schwarz wuschelt.

Frau Findeisen ist auf der anderen Seite der Welt, Larissa hinter dem Spiegel. Ihr Hotelzimmer liegt neben seinem. Vielleicht steht sie gerade ebenfalls nackt im Bad. Mit ihren Apfelboobies und sicher shaved oder Landebahn. Wenn man sich die Wand wegdenkt, was man ja noch darf, sind doch die Gedanken frei, blickten sich Findeisen und Larissa direkt in die blauen und grünen Augen. Oder vielmehr Findeisen auf die titties der menschgewordenen long-legged bat, denn auch ohne Stilettos ist Larissa riesig und überragt ihn um anderthalb Köpfe.

Dann: Omega am Arm. Inzwischen neunzehn neununddreißig. Zeigen die Zeiger, nicht der Kalender. Trotzdem Angriff. Blitzkrieg auf die Fledermaus. Weiße Tischdecke. White tie meets kleines Schwarzes, seamed nylons, peep toe pumps. Gelbe Rosen in einer Vase. Die Blumen ausgewählt von Findeisen himself, die Vase vom Ober. Findeisens Lieblingsblumen und deshalb kostenintensiv erstanden für Larissa.

Vorspeise: oysters hier, Antipasti gegenüber. Findeisen schlürft und denkt an Blue Öyster Cult, seine Lieblingsband, von der er bis eben gar nicht mehr wusste, dass es seine Lieblingsband ist. Schlürft, lehnt sich zurück und summt Don’t fear the reaper. Larissa gegenüber, im Sitzen winzig: keine Reaktion. Findeisen summt lauter, Larissa kaut unverdrossen mit einem geschürzten Mund so eng wie ein Arschloch. Sich gleichzeitig verschlucken, husten, dümmlich lachen.

Larissa hat dürre Arme, ist überhaupt dürr. Armreifen, golden, klappern rechts, links eine winzige Uhr, die etwa 206 Mal in das Ziffernblatt der Omega passen würde. So oft wie der Mensch Knochen hat, weiß Findeisen. An seinem Knie kurz Larissas Knie, kein Wunder bei der Beinlänge. Am dürren Larissahals eine Perlenkette. Unecht. Was verdient Larissa eigentlich als Chefsekretärin, als Büro Findeisen? Unverfänglich mal fragen oder zurück in Deutschland bei der Personalabteilung nachhaken? Was, wenn heute ihre 412 Knochen ineinander gerieten?

Mit ultrasteifer Serviette tupft Larissa ihr Mündchen ab und grinst aus traurigen Augen. Findeisen liebt Austern und sagt, dass er Austern liebt. Larissa grinst. Der Château Batailley ist fulminant, weiß Findeisen. 2009er, Spitzenjahrgang. Larissa grinst, deutet ein Nicken an, geht doch, endlich zeigt auch sie, dass Sie den Wein liebt. Gutes Gesprächsthema. Er könne weitere Empfehlungen geben. Larissa trinkt, antwortet nicht. Wie dünn die Arme sind.

Frau Findeisen ist üppig. Schon immer gewesen. Ließ sich beim Uriah-Heep-Konzert nicht auf die Schultern heben. Ging einfach nicht. Das war 1977, als sie sich kennenlernten und sie noch Fräulein Hagedorn hieß. Üppig, drall, boobs statt boobies, gute Kiste ebenfalls, Findeisens Geschmack. Smoke on the water, nein Lady in red, ach Quatsch black. Kleines Schwarzes. Findeisen summt, Larissa verschluckt sich am 2009er. Das Jahr, in dem er sie eingestellt hat. Ihre erste Arbeitsstelle.

Black angus dampft. Gegenüber Salat mit Ziegenkäse. Dürre Arme. Larissa müsse das Steak probieren, die Süßkartoffeln auch, denkt Findeisen, aber sagen, sagen kann er es nicht. Seamed nylons an seinem Knie. Zufall. Zu kurz für Absicht.

Was, gar kein Fleisch?, wundert sich Findeisen laut. Fisch Fehlanzeige. Eier auch nicht. So eine Nachricht muss man erst einmal verdauen. Warum?, denkt Findeisen und traut sich, Larissa zu fragen: Warum? Tierliebe. Sie hat einen Golden Retriever. Wer isst denn Hunde?, denkt Findeisen. Hunde können Farben sehen, aber nicht das volle Spektrum, sagt er mit staatsmännischer Souveränität, was Larissa nicht deshalb wundert, weil sie den Schwachsinn von der Farbenblindheit eines Hundes jemals geglaubt haben könnte, sondern weil Direktor Findeisen eben noch von vegetarischer Lebensweise gesprochen hat. Nehmen wir die Rosen, so Findeisen, die ich für Sie, Larissa, erstanden habe: gelb. Für einen Hund nur gelblich.

Larissas Mund öffnet sich. Schöne weiße Zähne. Larissa spricht. Möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass sie als Hundehalterin auch sagen könnte: die Rosen sind gelblich, doch dem menschlichen Auge erscheinen sie gelb. Aus Hundeperspektive wäre das korrekt. Warum den Menschen zum Maßstab nehmen? Ist die Rose wirklich gelb? Was würden verschiedene Fischarten, die nur Blau sehen, sagen? Blaue Blume der Romantik? Oder umgekehrt: Der Mensch sieht das Farbspektrum von rot bis violett. Von Nagetieren heißt es, sie erkennen auch das für Menschen unsichtbare Ultraviolett. Wie sollte man eine ultraviolette Blume nennen, die zwar objektiv ultraviolett ist, aber für Menschen nicht zu sehen? Oder wenn eine Atombombe alles menschliche Leben auslöscht und nur noch Hunde überleben: Würde man dann eine gelbe Rose gelblich nennen müssen?

Findeisen glotzt Larissa an. So viel hatte sie noch nie geredet. Weder hier am Tisch, noch im Flieger oder im Büro. Atombombe. Dir bringe ich noch mal Blumen mit, denkt Direktor Findeisen. Knie an Knie, dauerhaft.

Im Taxi, Rückbank, Seite an Seite. Am Steuer ein Indianer, der zu Black Sabbath den Kopf schüttelt. Herr Findeisen einst mit Fräulein Hagedorn in München, Hände über dem Kopf klatschend. Ende der Siebziger oder so. Warum nur Larissa nicht mitwippt? Die ist doch erst Mitte Zwanzig. Wie kann man in dem Alter schon so vergreisen? Vielleicht sollte Findeisen ihr eine Kassette, äh, CD, oder was auch immer, mit seinen Lieblingsliedern zusammenstellen. Stop, brüllt Findeisen. But you said …, der Indianer. Wait here, Findeisen zu ihm und zu Larissa: Komm.

Mein Lieblingsplatz, wenn ich in Rio bin. Von dieser Dachterrasse aus aufs pechschwarze Meer sehen. Larissa scheint beeindruckt. Ihr Gesicht im künstlichen Licht jung und schön. Wind geht durch ihr Haar. Ihr Mund steht staunend offen. Weiße Zähne again. Es ist kühl. Der Nylonstrumpf hat eine Laufmasche.

Hotelzimmer, gleich Mitternacht, stockdunkel. Findeisen hat einen Sender gefunden, der nur Rockballaden spielt. Noch ein paar Schluck aus der Minibar. Brummender Kopf. Die von Frau Findeisen, geb. Hagedorn, gebügelten Shorts um die Lenden. Sonst nichts, einfach nichts.

Rote Lippen sind bei Nacht nicht rot. Grüne Augen dunkel. Macht es sie weniger farbenfroh? Die weiße Decke über Findeisen schwarz. Das Bett schwarz. Sein Haar nun auch schwarz.

Morgen das Treffen mit dem Geschäftspartner. Guter Mann, aber auch ein Schwein ohne Skrupel. Dann noch eine weitere Nacht, von der kein Mensch weiß, was sie bringt. Und dann zurück nach Schwarzrotgold. Die Uhr vorstellen und doch schlussendlich jünger sein als vor der Dienstreise noch. Außer sich aufgebrochen sein, mit sich selbst im Gepäck zurückkehren.

Larissa zu begehren bedeutet, sich wiederzuentdecken. Wieder zu wissen, welche Blumen man liebt, welche Lieder vergessen wurden. Festzustellen, dass nicht nur die Auster im Meer, sondern auch das Meer in der Auster ist. Zu wissen, was sein Lieblingsplatz ist. Die Kiste von Frau Findeisen schlussendlich doch besser zu finden als das dürre Knie der Chefsekretärin. Doch bei all dem geht es nur um mich, schwant es Findeisen, nicht Larissa. Wen begehren? Larissa? Die Larissa, die ich nicht kenne? Larissa Sie, nicht Larissa du. Begierde überhaupt, was das wohl genau ist? So etwas wie wichsen wohl, leider. Larissa mit mir füllen. Mich, nur mich in ihr erkennen. Eine Larissa namens Büro Findeisen. Ich liebe mich, weiß Findeisen, an ihr. An ihr liebe einzig und allein ich mich.

Schwarz ist die Nacht, vielleicht auch ultraviolett. Man wüsste es wohl nicht, wenn es so wäre. Brummender Kopf. Geschäftstermin mit dem guten Mann. Schon Mitternacht. Nichts sehen. Schritte auf dem Gang, dicht an der Tür. Findeisen steht vom Bett auf.


sebastian-goertzSebastian Görtz, geboren 1980, studierte Germanistische Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Zeitgeschichte und arbeitet als Geschäftsführer eines Museumsverbundes.