Rione Monti
von Nils Langhans

Das einzige, was ich an der Toskana mochte, war das Acqua Panna, dessen Quelle auf dem einstigen Sitz der Familie Medici lag. Die Medicis hatten Geschmack. Es war ganz sicher das beste Wasser der Welt. Der Rest der Toskana war ein Sehnsuchtsort für deutsche Beamte, die in ihrem geleasten VW Touran die Welt hinter dem Lago Maggiore erkundeten und sich gegenseitig versicherten, wie viel mehr die Italiener doch von der Lebensart verstünden. Ich hielt an einer Umgehungsstraße in San Gimigiano an einem Alimentari, kaufte zwei Glasflaschen gekühltes Acqua Panna und fuhr weiter nach Rom. Im Radio lief Jolene von Dolly Parton.

Die Gegend um das Kolosseum war mit gelbweißem Trassierband und quergestellten Einsatzfahrzeugen abgeriegelt. Polizisten dirigierten den Verkehr. Hinter der Absperrung warteten einige hundert Menschen. Ich wartete mit ihnen, da ich ohnehin nichts anderes zu tun hatte. Wir standen etwa auf Höhe des Kaiser Augustus Forums. Es war schwülwarm und der Himmel grollte gelegentlich. Kurz darauf rannten vier Läufer entlang der abgesperrten Straße an uns vorbei. Die Menschen applaudierten ihnen aufmunternd zu. Die Läufer trugen sehr kurze Hosen und hechelten wie gescheuchtes Wild. Der zweite von links spuckte aus. Ihre Gesichter waren schmerzverzerrt und gerötet. Etwa eine Minute später folgte ihnen das Peloton, angepeitscht von den Zuschauern, die jetzt deutlich lauter jubelten, über das Kopfsteinpflaster. Es glich einer Treibjagd. Die Menschen hatten Spaß.

In der Via della Maddalena kaufte ich bei Lindt ein Päckchen hauchzarte Schokoladentäfelchen in der Geschmacksrichtung Zartbitter. Gegenüber stand ein vietnameischer Schuhverkäufer in Jeans und weißem Hemd rauchend vor seinem Geschäft. Es begann zu regnen. Er starrte ins Nichts. Ich aß die Lindt Täfelchen im Gehen. Hin und wieder aß ich einen Regentropfen mit.

Als der Regen vorüber war und die Luft nach Schweiß und Arbeit roch, lief ich durch Rione Monti. Ein Mädchen fotografierte ihr Spiegelbild in einer Pfütze. Ihr Freund fotografierte währenddessen die mit einem Guinness-Emblem beklebte Laterne über einem Irish Pub. Sie hatten beide rote Haare und waren bestimmt sehr glücklich. Ich lief weiter in Richtung Roma Termini. Auf dem Gehsteig neckte sich ein koreanisches Paar. Sie hatte einen sehr flachen Hintern und er trug einen Sportrucksack von Diadora ganz knapp unter seinen Schulterblättern. Sie waren sicher sehr glücklich. Dann noch ein Paar. Sie sehr klein. Er sehr groß. Bestimmt sehr glücklich. Noch eins: beide blaue Augen. Noch eins: schwarz-weiß gekleidet. Noch eins. Noch eins. Noch eins.

Ich sah so viel Liebe.

Am späten Nachmittag saß ich in einem Café an der Piazza della Madonna dei Monti. Die Kellner waren sehr unfreundlich und der Espresso kam kalt zu meinem Tisch. Vor dem Café kehrte ein Mann in manischer Geschwindigkeit mit Besen und Kehrblech die Zigarettenstummel aus den unverfugten Zwischenräumen des Kopfsteinpflasters. Er trug einen Mundschutz und ein weißes Bandanatuch. Seine Augen schossen von Stein zu Fuge zu Stein zu Kippe zu Kehrblech zu Stein zu Kippe, zitternd und immer auf der Suche nach Unrat, wie ein texanischer Farmer, der am Schießstand ungeduldig auf die nächste Tontaube wartete.

Am Abend ging ich mit einem freundlichen Paar aus Chicago aus. Sie schliefen im gleichen 6-Bett-Zimmer wie ich und hatten mir aus ihrer 500-Gramm-Tüte Amica Chips angeboten. Dabei waren wir ins Gespräch gekommen. Er hieß Dylan und sah ein wenig aus wie Edward Norton mit Schnauzbart. Ihren Namen hatte ich vergessen.

Der Barkeeper im Yellow hatte lila Augenringe. Er grinste und schoss die Kronkorken der Corona-Flaschen, die Dylan und seine Freundin bestellt hatten, in die Menge. Spielerisch leicht hebelte er sie vom Flaschenhals in die Luft und wer einen der Deckel fing, der bekam einen Shot umsonst. Über der Bar hing eine Leuchtreklame von Jameson Irish Whiskey. Schräg daneben spielte eine Band All the Small Things von Blink182. Der Sound war leicht übersteuert. Dylan drehte sich zur Seite und bohrte einen Moment lang in der Nase. Der Barkeeper schenkte einem Mädchen, das einen Kronkorken gefangen hatte, einen waldmeistergrünen Freeshot in ein Plastikpinnchen ein. Sie trug Perlenohrringe.

Später fragte mich Dylan, ob ich wüsste, was der größte Unterschied zwischen Kanadiern und Amerikanern wäre. Ich zuckte mit den Schultern.

„Wenn du nen Kanadier fragst, wo er herkommt, dann wird er dir immer sagen ‚I’m from Canada’. Immer. Wenn du aber nen Amerikaner fragst – immer Stadt oder Staat.“ Er machte eine Kunstpause. Ich befeuchtete meine Oberlippe mit der Zunge und wartete, dass er fortfuhr. „Du weißt schon, ‚I’m from California’ oder ‚I’m from L.A.’, das ist der Unterschied, mein Lieber, genau das ist der Unterschied.“

Ich nickte. Auf meinem Zeigefinger saß eine Stubenfliege. Ihre Gebeine waren so fein, dass ich sie nur sehen, nicht aber auf meiner Haut spüren konnte. Sie lief in Richtung Fingernagel, verharrte dort einen Moment, sie schien sich umzuschauen, und flog dann davon. Dylan bestellte uns zwei Wodka Grenadine und murmelte noch zweimal vor sich hin, dass das der Unterschied wäre, genau das.

Die Band spielte jetzt Wonderwall von Oasis. Beim Refrain hielten sie inne, nahmen die Finger von Mikrofon und Gitarre und warteten auf den Chorus aus dem Publikum, doch niemand außer Dylans Freundin und dem Mädchen mit den Perlenohrringen sang mit. Der Barkeeper rieb sich die Augen, er gähnte und goss eine durchsichtige Flüssigkeit aus einem Einmachglas in eine 1-Liter-Flasche Absolut Wodka. Auf seinem T-Shirt war das Gesicht von Kurt Cobain abgedruckt. Zum Glück musste er das alles nicht mehr miterleben.

Draußen vor der Tür des Yellow rauchte ich eine Zigarette. Eine betrunkene Frau mit gelaserten Augenbrauen sagte „Hi, I’m from Toronto“. Ich zog an meiner Zigarette und sie griff mir an den Hintern. Die Menschen wurden immer rücksichtsloser. Man konnte niemandem mehr vertrauen.

In der Nacht schaute ich auf meinem MacBook zwei Achtelfinalspiele der US Open. Beide Male gewann eine Russin. Danach fiel mir auf, dass ich seit über zwei Wochen kein Handy mehr hatte. Da das neue iPhone erst Anfang Oktober erscheinen sollte, schaute ich die Präsentation des iPhone 4 auf YouTube. Sie war elf Monate alt. Steve Jobs trug einen Rollkragenpullover. Irgendwann schlief ich ein.


Nils Langhans wurde 1990 in Velbert geboren und lebt in Berlin. Er gewann 2012 einen Essay-Wettbewerb des ZEIT-Verlags. Seine Kurzgeschichten „Fleischsalat und andere Dinge, die Justus Jonström Unbehagen bereiten“ und „Milano Navigli“ wurden in der Literaturzeitschrift „Mosaik“ veröffentlicht. In seinem ersten Roman prallt die wohlstandsgesättigte Großstadtapathie Berlins auf das Veränderungsfeuer der Generation Maidan. Der Roman wird von der Schweizer Literaturagentur Liepman Agency vertreten.

Nils Langhans hat Politik- und Kommunikationswissenschaften in Münster, Berlin und Aix-en-Provence studiert.“