Unsere Sicht auf das Meer und die Dinge
von Mercedes Spannagel

Gestern Abend kamen wir an. Heute liegen wir am Strand. Wir seien gierig, sagt Marie. Weil wir uns so mit unseren fast nackten, blassen Großstadtkörpern unter die Sonne legen. Sie stellt uns frei ob wir ihr die Sonnencremeflasche aus der Hand nehmen. Wir cremen uns ein oder wir tun es nicht. Zu Mittag stellen wir leichte Rötungen an unseren Körpern fest, am Abend ist die Sache klar: Am Rücken ist man rot, aber auch am Po und in den Kniekehlen. Vor allem in den Kniekehlen schmerzt es. Krebsrot, sagen wir. Der Krebs kommt noch, sagt Marie und schiebt uns ins Bad und dann ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen läutet das Telefon in die Stille hinein, es ist der Großvater, der anruft. Marie hebt ab. Hallo?, sagt sie. Marie?, fragt der Großvater. Ja, sagt sie. Ob alles gut sei, fragt der Großvater. Ja, sagt Marie. Der Großvater wartet, dass Marie etwas erzählt. Aber es gibt nichts zu erzählen.

Wir werden durch das Läuten des Telefons geweckt, es ist halb neun am Morgen. Marie stolpert hin, aber als sie den Hörer abnimmt und „Hallo“ sagt, hört sie bloß ein Tuten. Draußen ist es bewölkt. Wir gehen zum Bäcker, dann legen wir uns wieder an den Strand. Wir hören dem Meer beim Rauschen zu. Es ist Flut. Das Meer ist ein Tier von großem Format, sagen wir. Wir sagen, dass es niemals stirbt. Niemals. Dann gehen wir baden. Der Atlantik ist so kalt, er betäubt unsere Füße. Je weiter wir ins Wasser gehen, umso weiter pflanzt sich die Taubheit in unseren Gliedern fort. Jetzt ist es nicht mehr so kalt, sagen wir, das Wasser geht uns bis zum Kinn. Was wisst ihr schon, sagt Marie. Sie steht am Ufer und wir entfernen uns immer weiter von ihr. Zwischen uns und Marie brechen die Wellen.

Treppensteigen zu unserem Appartement im zweiten Stock eines alten Hauses ist eine Qual. Wieder läutet das Telefon. Marie antwortet brav auf die Fragen einer fremden Frau. Als diese fragt, ob das Haus, in dem sie wohnen, älter sei als 20 oder 30 Jahre, legt Marie ganz still auf, dann sieht sie uns an, als wäre nichts und es ist ja auch nichts.

Am nächsten Tag ist es vormittags wieder bewölkt, als uns Marie beim Bäcker unsere Milchbrötchen, Rosinenschnecken, Croissants in die Hand drückt. Sie sorgt wie eine Mutter für uns. Dann legen wir uns wieder auf den Strand. Nachmittags reißt die Wolkendecke auf. Auch an diesem Tag gehen wir ins Wasser. Man kommt nie an der Stelle raus, an der man hinein gegangen ist, wenn man nicht dagegen ankämpft. Wir lassen uns treiben. Danach hat man meistens Sand in der Badehose. Wir lassen uns durch die Tage treiben. Sie beginnen einander zu gleichen. Abends fiebern wir am Boulevard dem Sonnenuntergang entgegen, aber es schiebt sich immer ein breites Wolkenband über diese Grenzlinie, die wir Horizont nennen. In unseren Betten decken wir dann unsere verbrannten Körper zu.

Wir zerfallen. Am Strand liegen wir nebeneinander auf bunten Badetüchern und greifen in den feinen Sand und das alles, als wäre jeder von uns nur für sich, als wären wir alle einzeln hier und allein. Wir tragen große Sonnenbrillen und hoffen, dass uns bekannte Gesichter nicht sehen oder nicht erkennen. Wahrscheinlich sind wir schon lang nicht mehr unerkannt, aber jeder scheint sich unter dieser hellen Sonne mit dieser Fremde abgefunden zu haben. Das Telefon in unserem Appartement hat schon lange nicht mehr geklingelt.

Das Meer kommt und geht, die Tage kommen und gehen. Wir liegen da so am Strand und langsam werden wir knusprig. Und in uns wächst eine Ruhe, die manchmal etwas von einer Schläfrigkeit hat. Marie ist eine von uns. Ich dachte, sagt sie, wenn wir schon am Meer sind, dann müssen wir es ausnutzen und viel baden gehen, aber das ist falsch. Wir merken, hier bekommt unser Handeln eine Gleichgültigkeit wie wir sie aus der Großstadt nicht kennen. Wir lesen Bücher fertig, wir bringen den Müll hinaus, wir essen, wir kämmen uns den Sand aus den Haaren, wir hängen die nassen Badetücher zum Trocknen auf; wir verlieren kaum Wörter darüber. Nur einen ungestörten Sonnenuntergang haben wir noch nicht gesehen.

An einem Morgen nieselt es leicht. Wir haben die Wochentage vergessen. Unsere Ordnung aber wird nicht gestört. Wir haben genug Freiraum, sagen wir nicht, denken wir nur. Am Strand fallen uns die vielen Kinder auf. Wo sind die plötzlich hergekommen? Wir sehen zu Marie, die immer eine Antwort weiß. Das Meer ist sehr salzig, man kann es nicht trinken, sagt sie, aber erst viel später. Und es bringt nichts Neues.

Weil es noch früher am Abend ist, geht Marie mit uns ins Kino. Weil es nach dem Film immer noch zu früh für den Sonnenuntergang ist, gehen wir am Strand spazieren. An der Küste entlang sieht man ein paar Felsen in Halbkreisen angeordnet. Die Felsen sind teilweise mit Muscheln und Algen bewachsen. Um nicht auszurutschen auf Seegrasteppich, gehen wir vorsichtig. Es riecht nach den Tiefen des Meeres, sagt Marie. Aber wir können den Dingen ins Auge blicken: Es riecht nach Verwesung. Es stinkt. Aber der Himmel ist wolkenlos. Über uns fliegen Möwen. Die kommen auch immer erst abends raus, wissen wir. Sie landen und hinterlassen Abdrücke im Sand, der immer kühler wird. Marie fragt, warum wir unbedingt den Sonnenuntergang sehen wollen, als wäre sie keine von uns. Und wir ärgern uns über sie, können keine Gründe nennen, weil „es ist schön“ kein Grund ist, weil es eigentlich keine Gründe gibt. Also spazieren wir schweigend weiter bis wir die Leiche finden, zwischen zwei Felsen. Sie liegt einfach da. Es hat uns Mühe bereitet, sie als solche festzustellen, als das was sie ist, als Leiche. Eine Möwe sitzt auf einem Felsen in der Nähe, sie schaut uns an. Die Sonne geht in unserem Rücken unter. Aber eigentlich ist sie schon untergegangen, da schauen wir noch, das Licht braucht nur so lang hierher.


Mercedes Spannagel;

1995, Wien, weinte und schrie.

2016, Wien, weinte und schrieb.